MORGENTHAUPLAN 1944

6

MORGENTHAUPLAN 1944
3. Lieferung, © Politisches Lexikon, Hannover Juni 1967
Der Morgenthau-Plan, August 1944*)
Nach: A Decade of American foreign policy. Basic Documents, 1941—1949 (Washington 1950), S. 502 ff. Deutsche Übers, nach: Rönnefarth, Konferenzen und Verträge (Vertrags-Ploetz, Bielefeld 1953), S. 390 ff.
1. Entmilitarisierung Deutschlands
Es sollte das Ziel der Alliierten sein, die vollständige Entmilitarisierung Deutschlands in kürzest möglicher Zeit nach der Kapitulation durchzuführen. Das bedeutet: vollständige Entwaffnung der deutschen Wehrmacht und des deutschen Volkes (einschl. des Abtransportes oder der Zerstörung allen Kriegsmaterials, totale Zerstörung der gesamten deutschen Rüstungsindustrie und Abtransport oder Zerstörung der anderen Schlüsselindustrien, welche für die Wehrkraft grundlegend sind.
2. Die neuen Grenzen Deutschlands
a) Polen sollte denjenigen Teil Ostpreußens erhalten, welcher nicht an Rußland fällt, dazu den südlichen Teil von Schlesien.
b) Frankreich sollte die Saar und die angrenzenden Gebiete erhalten, welche durch den Rhein und die Mosel begrenzt werden.
c) Wie unter Ziffer 4 angeführt, sollte eine internationale Zone geschaffen werden, welche die Ruhr und die umgebenden Industriegebiete umfaßt.
3. Aufteilung des neuen Deutschland
Der Restteil Deutschlands sollte in zwei autonome, unabhängige Staaten
1. einen süddeutschen, bestehend aus Bayern, Württemberg, Baden und einigen kleineren Gebieten, und
2. einen norddeutschen, umfassend den größeren Teil des alten preußischen Staates, Sachsen, Thüringen und einzelne kleine Staaten, auf-geteilt werden.
Herstellung einer Zollunion zwischen dem neuen süddeutschen Staat und Österreich, welches nach den Grenzen von vor 1938 wiederherzustellen sein wird.
*) Angenommen auf der 2. Roosevelt-Churchill-Konferenz von Quebec, 10.—16. September 1944. Am 22. September 1944 zog Roosevelt seine Unterschrift wieder zurück. Vgl. auch Teil I—> Morgenthauplan.

1
MORGENTHAUPLAN 1944
4. Das Ruhrgebiet
(Die Ruhr mit dem gesamten Industriegebiet, einschl. des Rheinlandes, des Kieler Kanals und aller deutschen Gebiete nördlich davon.)
Hier liegt das Herz der deutschen industriellen Macht. Dieses Gebiet sollte nicht nur von allen dort augenblicklich bestehenden Industrien entblößt, sondern so geschwächt und kontrolliert werden, daß es in absehbarer Zeit kein Industriegebiet wieder werden kann. Folgende Schritte würden das vollenden:
a) Innerhalb kürzester Frist, wenn möglich nicht länger als 6 Monate nach Einstellung der Feindseligkeiten, sollen alle Industrieanlagen und Ausrüstungen nicht durch eine militärische Aktion zerstört, sondern vollständig demontiert und als Restitution für die Alliierten abtransportiert werden. Alle Kohlengrubenausrüstungen sollen entfernt und die Kohlengruben geschlossen werden.
b) Das Gebiet sollte internationalisiert und durch eine internationale Sicherheitsbehörde, die durch die Vereinten Nationen zu errichten wäre, verwaltet werden. Die Internationale Behörde sollte sich bei Verwaltung des Gebietes durch Richtsätze leiten lassen, die geeignet sind, die oben genannten Ziele zu erreichen.
5. Restitution und Reparation
Reparationen in Form zukünftiger Zahlungen und Ablieferungen sollten nicht gefordert werden. Restitutionen und Reparationen werden wirksamer sein durch die Abtretung der vorhandenen deutschen Hilfsquellen (resources, Bodenschätze) und Gebiete, d. h.
a) durch Rückerstattung des Eigentums, welches die Deutschen in den besetzten Gebieten geplündert haben;
b) durch Abtretung deutscher Gebiete und deutscher Privatröchte auf industrielles Eigentum an die überfallenen Länder und die Internationale Behörde gemäß Aufteilungsprogramm;
c) Durch Abtransport und Verteilung der industriellen Anlagen und Ausrüstungen innerhalb der internationalen Zone und den norddeutschen und süddeutschen Staaten unter die verwüsteten Länder, entsprechend den Verteilungsbestimmungen;
d) durch Zwangsarbeit Deutscher außerhalb Deutschlands;
e) durch Beschlagnahme aller deutschen Guthaben jedweder Natur außerhalb Deutschlands.
6. Erziehung und Propaganda
a) Alle Schulen und Universitäten sind zu schließen, bis eine Alliierte Erziehungskommission ein wirkliches Reorganisationsprogramm auf-

2
in.
MORGENTHAUPLAN 1944
3. Lieferung, (§) Politisches Lexikon, Hannover Juni 1967
gestellt hat. Es ist vorauszusehen, daß es vielleicht eine längere Zeitspanne dauern wird, bis höhere Schulen wieder eröffnet werden können. Währenddessen sollte die Ausbildung deutscher Studenten auf auswärtigen Universitäten nicht verboten werden. Grundschulen sind, sobald geeignete Lehrer und Schulbücher verfügbar sind, wieder zu eröffnen.
b) Alle deutschen Sender und Zeitungen, Zeitschriften, Wochenausgaben usw. werden ihr Erscheinen einstellen, bis entsprechende Kontrollen gewährleistet und ein bestimmtes Programm auf gestellt sind.
7. Politische Dezentralisation
Die Militärverwaltung Deutschlands sollte in der Anfangszeit ausgeführt werden im Hinblick auf die eventuelle Teilung Deutschlands. Um die Teilung zu erleichtern und ihr Bestehen zu festigen, sollten sich die Militärbehörden durch folgende Grundsätze leiten lassen:
a) Alle leitenden Beamten der Reichsregierung sind zu entlassen und vorerst mit Lokalverwaltungen zu verhandeln.
b) Die Wiedererrichtung der Länderregierungen entspr. der 18 Länder, in welche Deutschland gegenwärtig geteilt ist, in die Wege zu leiten und die preußischen Provinzen als selbständige Länder zu errichten.
c) Nach der Teilung Deutschlands sollen die verschiedenen Länderregierungen ermutigt werden, eine Bundesregierung (federal government) zu organisieren für jedes der neu aufgestellten Gebiete. Solche neue Regierungen sollten eine Art Staatenföderation sein mit sehr weitgehenden staatlichen Rechten und weitgehender örtlicher Autonomie.
8. Verantwortung der Armee für die Wirtschaft
Das einzige Ziel der Armee bei der Kontrolle der deutschen Wirtschaft sollte darin bestehen, die militärischen Operationen und die militärische Besetzung zu erleichtern. Die Alliierten Militärregierungen sollten für Wirtschaftsprobleme wie Preiskontrollen, Rationierung, Arbeitslosigkeit, Erzeugung, Wiederherstellung, Verteilung, Verbrauch, Unterbringung oder Verkehr oder Maßnahmen, welche bestimmt sind, die deutsche Wirtschaft zu erhalten und zu stärken, nicht die Verantwortung übernehmen mit Ausnahme derjenigen, welche für die Heeresverwaltung (military operations) notwendig sind. Die Verantwortung für die Erhaltung der deutschen Wirtschaft und des deutschen Volkes liegt bei den Deutschen selbst mit denjenigen Hilfsmitteln, die unter den gegenwärtigen Umständen zur Verfügung stehen.

3
MORGENTHAUPLAN 1944
9. Kontrolle der deutschen Wirtschaftsentwicklung
Während der Dauer von etwa 20 Jahren nach der Kapitulation sollten durch die Vereinten Nationen entsprechende Kontrollen einschl. der Kontrolle über den Außenhandel und fester Beschränkungen der Kapitalinvestitionen beibehalten werden, die dazu bestimmt sind, in den neu errichteten Ländern den Auf- und Ausbau von Schlüsselindustrien, welche für das deutsche Wehrpotential notwendig sind, zu verhindern und andere Schlüsselindustrien zu kontrollieren.
10. Agrarprogramm
Aller Großgrundbesitz sollte aufgehoben, unter die Bauern aufgeteilt und das Erbhofgesetz (system of primogeniture and entail) beseitigt werden.
11. Bestrafung von Kriegs verbrechen und Behandlung spez. Gruppen
Aufstellung eines Programms für die Bestrafung von Kriegs verbrechen und für die Behandlung nazistischer Organisationen.
12. Uniformen und Paraden
a) Keinem Deutschen soll, eine gewisse Zeit nach Einstellung der Feindseligkeiten, erlaubt sein, irgendeine militärische Uniform oder Uniform einer halbmilitärischen Organisation zu tragen.
b) Nirgends sind in Deutschland militärische Paraden zu gestatten und alle Musikkorps aufzulösen.
13. Flugzeuge
Alle Militär- und Zivilflugzeuge (einschl. der Segelflugzeuge) werden beschlagnahmt. Keinem Deutschen soll es erlaubt sein, zu fliegen oder als Flug- oder Bodenpersonal zu dienen.
24. Verantwortung der Vereinigten Staaten
Obwohl die USA auf jeder internationalen Kommission oder Kommissionen, welche für die Durchführung des gesamten deutschen Programms

4
MORGENTHAUPLAN 1944
eingesetzt werden mögen, die militärischen und zivilen Interessen voll wahrnehmen würden, sollte die Hauptverantwortung für die Aufsicht (policing) über Deutschland durch die Wehrmacht der kontinentalen Nachbarn Deutschlands, insbesondere durch russische, französische, polnische, tschechische, griechische, jugoslawische, norwegische, holländische und belgische Soldaten übernommen werden.
Nach diesem Programm könnten die amerikanischen Truppen in relativ kurzer Zeit abgezogen werden.
3. Lieferung, © Politisches Lexikon, Hannover Juni 1967

5

Comments are closed.