„Makroprudenzielle“ Indikatoren

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Der Begriff „makroprudenziell“ (englisch: macroprudential) ist im Gefolge der Finanzkrise zu einem regelrechten Modewort geworden. Meist wird dieser Begriff im Zusammenhang mit Regulierungsmaßnahmen verwendet und soll zum Ausdruck bringen, dass es um die Stärkung des gesamten Finanzsystems geht und nicht nur um einige Teilaspekte der Regulierung, wie z.B. Fristenkongruenz oder Qualitätskriterien für Vermögenspositionen in den Bankbilanzen. Solche Teilaspekte werden in der Regulierungsterminologie mit „mikroprudenziell“ (englisch: microprudential) bezeichnet.

Auf die Indikatoren angewendet, sollen mit „makroprudenziell“ solche Zeitreihen bezeichnet werden, in denen sich die finanzielle Stabilität bzw. der Grad des finanziellen Risikos auf der gesamtwirtschaftlichen Ebene widerspiegelt. Im Gegensatz hierzu stehen etwa die Ergebnisse von Stresstest-Ergebnissen einzelner Banken. In der Literatur wird als Beispiel dafür, dass mikro- und makroprudenzielle Informationen durchaus zu unterschiedlichen wirtschaftspolitischen Schlussfolgerungen führen können, auf folgenden Fall verwiesen: Wenn einzelne Banken in Zeiten einer Finanzkrise ihre Kreditlimits kürzen, so mag dies durchaus in mikroprudenzieller Hinsicht vorteilhaft sein. Wenn dies jedoch alle Banken tun, nimmt das makroprudenzielle Risiko für das Finanzsystem zu. In einem Indikatorensystem zur Beobachtung der Risikoanfälligkeit des Finanzsystems gehören erfahrungsgemäß u.a. Leistungsbilanzsalden, der reale Wechselkurs,  Zinssatz-Differenzen und Daten zur Staatsverschuldung zu der Gruppe der makroprudenziellen Indikatoren.

Im Jahr 2000 hat der Internationale Währungsfonds ein System von makroprudenziellen Indikatoren vorgeschlagen, die in der Literatur auch unter der Bezeichnung „Indikatoren für die finanzielle Solidität“ (englisch: financial soundness indicators) firmieren.

Allerdings ist es auch nach Ansicht des IWF nicht ratsam, ein einheitliches System von makroprudenziellen Indikatoren für jedes einzelne Land anzuwenden. Neben einigen Indikatoren, die generell für alle Länder wichtig sind, wie etwa die oben angesprochenen vier makro-ökonomischen Zeitreihen, sollten für jedes Land auch spezifische andere Indikatoren mit herangezogen werden, wie etwa im Falle eines Ölförderlandes die Entwicklung des Ölpreises.

Literatur:

Clement, P. (2010), „The Term „Macroprudential“: Origins and Evolution”, BIS Quaterly Review, 59-67.

IMF (1998), Toward a Framework for a Sound Financial System, Washington DC.

Bhattacharyay, B. et al. (2009), „Early Warning System for Economic and Financial Risks in Kazakhstan”, CESifo Working Paper No. 2832.

Schlagwort:
Wirtschaftsindikatoren
makroprudienzielle Indikatoren

JEL Code:
[E320] Business Fluctuations; Cycles

Wirtschaftskompass: 1.9 Konjunkturelle Frühindikatoren

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