Das Ahnenerbe (AE) der SS

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Von Joachim Lerchenmueller Ph.D.

Das „Deutsche Ahnenerbe“ wurde 1935 als „Studiengesellschaft für Geistesurgeschichte“ mit der Rechtsform eines eingetragenen Vereins von führenden Funktionären der SS gegründet, darunter der Reichsführer SS Heinrich Himmler (1900-1945) und der Reichsbauernführer und Leiter des Rasse- und Siedlungshauptamtes (RuSHA) Richard Walther Darré (1895-1953).

Wolfram Sievers
Wolfram Sievers, Reichsgeschäftsführer des Ahnenerbes, der 1948 hingerichtet wurde. Quelle: Bundesarchiv.

Ursprünglich vor allem zur Förderung der pseudowissenschaftlichen nordisch-volkskundlichen Arbeiten des holländischen Privatgelehrten Herman Wirth (1885-?) gegründet, entwickelte sich das Ahnenerbe ab 1937 zu einer der größten nichtstaatlichen Forschungseinrichtungen des Dritten Reiches, für die Hunderte von Wissenschaftlern aus geistes-, sozial- und naturwissenschaftlichen Disziplinen arbeiteten.

In ideologischer Hinsicht hatte das AE die Aufgabe, die These von der eingeborenen rassischen Überlegenheit der germanischen Völker mit wissenschaftlicher (Schein-) Legitimation zu versehen. Daher erklärt sich auch die ursprüngliche enge Verbindung zwischen AE und RuSHA, die allerdings 1937 aufgelöst wurde; zahlreiche Mitarbeiter des RuSHA wurden in den nunmehr offiziell „Das Ahnenerbe“ genannten Verein übernommen, der laut seiner reformierten Satzung die folgenden Ziele verfolgte:

1. Raum, Geist und Tat des nordrassischen Indogermanentums zu erforschen,
2. die Forschungsergebnisse lebendig zu gestalten und dem deutschen Volke zu vermitteln,
3. jeden Volksgenossen aufzurufen, hierbei mitzuwirken.

Die Satzungsänderung des Jahres 1937 wurde auch genutzt, um Herman Wirth aus der Führungsebene des Vereins zu entfernen, der sich als schwere Belastung für die wissenschaftspolitischen Ambitionen des AE erwiesen hatte. Nunmehr unter der Regie zweier ambitiöser und professioneller Wissenschaftsmanager – Wolfram Sievers (1905-1948) in der Position des Reichsgeschäftsführers und der Münchner Indogermanistik-Professor Walther Wüst (1901-1991) als Präsident bzw. Kurator – erfuhr das AE in den Jahren ab 1937 mit Hilfe massiver Förderung Himmlers und der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) einen beachtlichen personellen und institutionellen Ausbau; gleichzeitig war es bestrebt, in enger Kooperation mit dem Sicherheitsdienst der SS (SD) Einfluss auf die NS-Wissenschaftspolitik und auf Stellenbesetzungen an den deutschen Hochschulen zu nehmen.

In seinen „besten“ Zeiten bestand das AE aus mehreren Dutzend Forschungsabteilungen und verfügte über Fotolabore, ein Bildhauerstudio, ein Museum, sowie diverse Bibliotheken und Archive in München, Salzburg, Detmold und vielen anderen Städten. Über den „Ahnenerbe-Stiftungsverlag“ kontrollierte der Verein zahlreiche Zeitschriften, Buchreihen und Verlagshäuser. Das AE finanzierte archäologische Grabungen und Forschungsexpeditionen inner- und außerhalb Europas (u.a. die Tibet-Expedition Ernst Schäfers 1938) und veranstaltete wissenschaftliche Tagungen und Kongresse.

Mit Ausbruch des 2. Weltkrieges änderten sich die Aufgaben des AE, das 1940 seine institutionelle Selbständigkeit verlor und als „Amt A“ in die Dienststelle „Persönlicher Stab Reichsführer SS“ integriert wurde. Hauptamtliche Mitarbeiter des AE beteiligten sich 1939/40 federführend an Kulturraub-Aktionen in Mittel- und Osteuropa. In Nordwest-Europa wurd das AE von Himmler als Instrument der auswärtigen Kulturpropaganda und Volkstumspolitik der SS eingesetzt: Im sog. „Germanischen Wissenschaftseinsatz“ unter Leitung des AE-Abteilungsleiters Hans Ernst Schneider (1909-1999, alias Hans Schwerte) unterstützte das AE einerseits die Werbung von Freiwilligen für die Waffen-SS in den „germanischen Randländern“ (Niederlande, Belgien, Dänemark, Norwegen); anderseits versuchte das AE, die Regional-, National- und Autonomiebewegungen in diesen besetzten Gebieten durch gemeinsame kulturelle, wissenschaftliche und propagandistische Arbeitsprojekte an den Nationalsozialismus zu binden und für die deutschen Pläne zur staatlichen Neuordnung Europas nach dem Kriege zu gewinnen.

Das verbrecherischste Kapitel in der Geschichte des AE sind die Menschenversuche der Abteilung „R“ – „R“ für Sigmund Rascher (1909-1945) – des AE-Instituts für Wehrwissenschaftliche Zweckforschung, die an Häftlingen der Konzentrationslager Dachau (durch Rascher) und Natzweiler/Struthof (u.a. durch August Hirt [1898-1945]) durchgeführt wurden, zum Teil mit Unterstützung der Wehrmacht.

Für die Mitverantwortung an diesen Menschenversuchen wurde der Reichsgeschäftsführer des AE, Wolfram Sievers, in den Nürnberger Nachkriegsprozessen zum Tode verurteilt; der eigentliche Leiter des AE, Walther Wüst, entkam dem Henker. Die Wissenschaftler, die sich mit Himmlers Forschungsverein einließen, taten dies aus sehr unterschiedlichen Gründen: aus ideologischer Überzeugung, aus Mangel an alternativen Beschäftigungsmöglichkeiten, aufgrund attraktiver Forschungsförderungsmöglichkeiten, um über die Assoziation mit der SS an kulturellem Prestige zu gewinnen, um sich vor ideologischen Zumutungen des des Amtes Rosenberg zu schützen, oder – wie einige der Mediziner und Anthropologen -, aufgrund der Möglichkeit, ihre wissenschaftlichen Erkenntnisinteressen ohne Rücksicht auf traditionelle ethische Grenzen befriedigen zu können.

Autor: Joachim Lerchenmueller Ph.D.

 

Abbildungen

(1) schematische Darstellung der Struktur des Amtes A (Ahnenerbe)

 

Literatur

Benz, Wolfgang / Hermann Graml /Hermann Weiß: Enzyklopädie des Nationalsozialismus, München 1997.

Benz, Wigbert / Bernd Bredemeyer / Klaus Fieberg: Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg. Beiträge, Materialien Dokumente. CD-Rom, Braunschweig 2004.

Jacobeit, Wolfgang / Lixfeld, Hannsjost / Bockhorn, Olaf (Hg.): Völkische Wissenschaft. Gestalten und Tendenzen der deutschen und österreichischen Volkskunde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wien/Köln/Weimar 1994.

Kater, Michael H.: Das „Ahnenerbe“ der SS 1935-1945. Ein Beitrag zur Kulturpolitik des Dritten Reiches. München 1997 (2. Aufl.).

Lerchenmueller, Joachim / Simon, Gerd: Im Vorfeld des Massenmords. Germanistik im 2. Weltkrieg. Tübingen 1997 (3. Aufl.).

 

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