Die Wege der Wissenschaft sind verschlungen, und es ist schwierig, die guten von den bösen zu unterscheiden.

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Joachim Lerchenmueller
Antwort auf die Einladung der Heft-Herausgeber und Autoren des Bandes 77-1996 der Zeitschrift Sprache und Literatur,
„[…]sich mit kritischen Kommentaren an der Diskussion zu beteiligen, die der Fall Schneider/Schwerte ausgelöst hat.“1

Fassung 29. Oktober 1996

Die Wege der Wissenschaft sind verschlungen, und es ist schwierig, die guten von den bösen zu unterscheiden. Und oft sind die Gelehrten unserer Tage nur Zwerge auf den Schultern von Zwergen.2

 

Gerne folge ich der Einladung der Herausgeber und Autoren der SuL, sich kritisch mit den Beiträgen des jüngsten Heftes auseinanderzusetzen. Ich werde mich dabei auf den Aufsatz von Theo Buck konzentrieren, und das nicht ohne Grund: dieser Aufsatz ist mit Ausnahme weniger Änderungen identisch mit der Rede, die Buck Ende Februar 1996 anlässlich seiner Emeritierung an der RWTH Aachen gehalten hat. Buck hatte mich seinerzeit um das Manuskript meines Vortrages gebeten, den ich am 15. Februar 1996 auf dem Symposium zum ‚Fall Schwerte/Schneider‘ an der F.A.U. Erlangen-Nürnberg hielt. Im Gegenzug übersandte mir Buck am 5. März d.J. das Manuskript seiner Abschiedsrede. Sechs Tage später, am 11. März, richtete ich an Buck ein Schreiben, das meine Kritik an seiner Rede enthielt. Auf seine Stellungnahme zu dieser ausführlichen Kritik habe ich bis heute vergeblich gewartet. Aus der nahezu unveränderten Veröffentlichung dieser Februar-Rede schliesse ich, dass Buck meine Einwände für nicht stichhaltig hält. Da ich – was nicht überraschen dürfte – in diesem Punkt dezidiert anderer Meinung bin, sehe ich mich veranlasst, die wesentlichen Kritikpunkte nunmehr öffentlich zu wiederholen. Ich fordere Herrn Buck hiermit auf, den LeserInnen der SuL zu erklären, weshalb er meine kritischen Einwände für nicht wesentlich erachtet und bei seiner ursprünglichen Darstellung geblieben ist.

Mit Bucks Einschätzung der Position Schneiders als eines „Nationalsozialisten, der entschiedenermassen verantwortlich im Zentrum der Macht eines Verbrecherregimes tätig gewesen ist“, (p.48)3 kann ich nicht ohne weiteres konform gehen; sie erscheint mir tendenziell irreführend, zumal für all jene, die mit den Herrschaftsstrukturen der SS und des Dritten Reiches nicht sehr vertraut sind. Die Stellung eines Abteilungsleiters im Ahnenerbe – auch wenn es sich dabei um den Germanischen Wissenschaftseinsatz handelte – war eindeutig subaltern. In seiner Arbeit war Schneider durchweg von der Zustimmung bzw. von Weisungen des Geschäftsführers Wolfgang Sievers und des Kurators Walter Wüst abhängig, darüberhinaus natürlich auch von den grundsätzlichen Entscheidungen Himmlers bzw. der Abt. VI im SS-Hauptamt, also Bergers und Riedwegs.

In der Diskussion über Schneider/Schwerte ist m.E. zu wenig darauf geachtet worden, die faktische Bedeutung des Ahnenerbes im Herrschaftsgefüge des Dritten Reiches – oder auch nur innerhalb der SS – zu würdigen: diese war entschieden geringer als im Zusammenhang mit Schneider/Schwerte jetzt suggeriert wird. Das Ahnenerbe war nicht das Zentrum der Macht. Gjalt R. Zondergeld hat, als er am 13. Dezember 1995 auf Einladung der Studierenden über Schneider/Schwerte sprach, bei einigen Leuten in Erlangen offensichtlich den Eindruck hinterlassen, dass Schneider „die Nummer Drei in der SS“ gewesen sei (so eine Studentin auf dem Erlanger Symposium am 15.2.96 unter ausdrücklichem Bezug auf Zondergelds Thesen). Das ist aus der Sicht eines Zeithistorikers fatal. Ich frage mich, wo dann Leute wie Kaltenbrunner, Heydrich, Best, Berger, Ohlendorf, Six, Schellenberg, Heinrich Müller, Streckenbach, etc. bleiben? Wir sollten uns der Gefahr bewusst sein, dass eine einseitige Überhöhung Schneiders faktisch einer Relativierung der Verantwortung tatsächlicher SS-Grössen gleichkommt. Eine aufmerksame Lektüre Katers4 hilft dabei, die tatsächliche Position Schneiders im Ahnenerbe, seinen Verantwortungsbereich und seinen eigenständigen Handlungsspielraum zu bestimmen.5

Was die Bedeutung der Institution Ahnenerbe im Herrschaftsapparat des Dritten Reiches betrifft, so könnte die Nichterwähnung desselben in den meisten historischen Darstellungen zum Dritten Reich zumindest als ein Indiz genommen werden. Weder Broszat noch Bracher/Funke/Jacabosen noch Kershaw – um nur einige Standardwerke zu nennen – erwähnen das Ahnenerbe. 6 Auch Schneider wird hier nicht erwähnt. Selbst in der Arbeit von Gerhard Hirschfeld über „Fremdherrschaft und Kollaboration. Die Niederlande unter deutscher Besatzung 1940-1945“7 wird auf die Arbeit Schneiders lediglich in einem Absatz (p.34f und Anm. 209) eingegangen.

Ob Schneider schon vor 1933 nationalsozialistisch gesinnt war, ist aufgrund fehlender Quellen schwer zu beurteilen. Nach eigenen Angaben schloss er sich im Frühjahr 1932 – im Zusammenhang mit den Maikämpfen in Wien – dem sozialistischen Studentenbund an. Das dürfte heute nur noch schwer überprüfbar sein; anderseits kann man diese seine Aussage nicht einfach mit Schweigen übergehen. Fest stehen sein Eintritt in die SA und die weiteren Stationen seiner NS-Karriere: Referent für Volkstumsarbeit in Ostpreussen für die KdF; Gaufachstellenleiter bzw. stellv. Hauptabteilungsleiter der Gaudienststelle Ostpreussen der Organisation „Volkstum und Heimat“ (unter Alfred Zastrau); ‚ehrenvoller‘ Austritt aus der SA durch Wechsel in die SS; Mitarbeiter im Rassenamt; Übernahme ins Ahnenerbe. – Spannend, aber leider aufgrund der Quellenlage nicht eindeutig geklärt, sind Schneiders Beziehungen zum Sicherheitsdienst (SD). Schwertes Schilderung (im WDR-Interview) seines Eintrittes in die SS hört sich für Historiker vielmehr wie eine Verpflichtung Schneiders (durch Six?) für eine informelle Mitarbeit im SD an. Kontinuierliche dienstliche Kontakte v.a. zu Spengler im Rahmen der Arbeit für den GWE sind dokumentarisch belegt, ebenso zwei Initiativen des SD, Schneider offiziell ins SD-Hauptamt zu versetzen, was Sievers zu verhindern wusste.

Die Reichsschrifttumskammer (p.50) war – wie alle 7 Untergliederungen der Reichskulturkammer – ein >Zwangsberufsverband<. Jeder, der im Dritten Reich publizieren wollte, musste Mitglied der RSK werden. Schneiders Beitritt 1936 war Voraussetzung für das Erscheinen des Königlichen Gesprächs. Eine darüber hinaus gehende Bedeutung kommt diesem Beitritt nicht zu.8 Auch ein Hans Fallada oder der irische Schriftsteller Francis Stuart waren RSK-Mitglieder.

Was die Fragen nach Schneiders Osteinsatz im Winter 1939/40 betrifft, (p.50), so kann aufgrund aller bislang bekannten Quellen nur als sicher gelten, dass er sich in Riga aufhielt – nach Schwertes Aussagen nur wenige Tage und auf See stationiert. Dieser Einsatz erfolgte übrigens im Rahmen der völkerrechtlich verbindlichen Verträge zwischen den Regierungen in Berlin, Reval und Riga, die am 15. und 20. Oktober 1939 abgeschlossen wurden. (vgl. Kater, Ahnenerbe, 147). Theo Buck vertritt die These, dass Schneider „nach Krakau und Warschau in Marsch gesetzt“ wurde (p.50); Ludwig Jäger schreibt in seinem SuL-Beitrag hierzu (p.39): „Die Wahrscheinlichkeit, dass Schneider Ende Oktober 1939 in Krakau und Anfang Novmber 1939 in Warschau war, ist also sehr gross.“ Mit anderen Worten: Weder Buck noch Jäger können eine Quelle auftreiben, die eindeutig belegen würde, dass Schneider tatsächlich in Polen war und an der Kunstraubaktion unter der Leitung von Harmjanz mitmachte.

Bucks Einschätzung (p.51), dass Schneider „wichtige Hebel der Propagandamaschinerie des Grossdeutschen Reiches“ bediente, ist nicht haltbar: Das Bild suggeriert Kontrolle über wesentliche Teile des Propagandaapparates. Die Zeitschriften, die Schneider inhaltlich faktisch kontrollierte, waren, aufs Ganze gesehen, von marginaler Bedeutung; sie bedienten eine kleinere Gruppe unter den Intellektuellen und Akademikern im Inland und in den sog. ‚germanischen Randländern‘. Unter wichtigen Hebeln für die Propagandamaschinerie des Dritten Reiches verstehe ich – vor allem – das Radio, den Film und die Tagespresse. Wer für Erstere und Letztere z.B. die Presseanweisungen schrieb oder an den täglichen ‚Abstimmungskonferenzen‘ im Propagandaministerium teilnahm, der bediente wirklich wichtige Hebel.

Selbst wenn man sich auf die Literaturwissenschaft und -kritik beschränkt, so waren doch etablierte literaturwissenschaftliche Zeitschriften wie die Zeitschrift für Deutschkunde (ed. G.Fricke, J. Müller) oder die Zeitschrift für deutsche Bildung (ed. Obenauer, Neumann, Schwarz) – beide vom SD (Rössner!) als grundsätzlich positiv im nationalsozialistischen Sinne eingestuft – von grösserer Bedeutung als die von Schneider herausgegebene Weltliteratur (von Hamer/Hammer ganz zu schweigen), gerade auch unter wirkungsgeschichtlichen Gesichtspunkten: die genannten Herausgeber bildeten an Universitäten den germanistischen Nachwuchs aus.

Empörend finde ich, dass Buck keine Veranlassung gesehen hat, bei der Überarbeitung seiner Abschiedsrede Falschaussagen zu korrigieren, die ihm längst nachgewiesen wurden. Seine Behauptung in Anmerkung 83: „Im selben Bereich arbeitete auch Hans Ernst Schneider (Referat IIIB3)“ ist eindeutig falsch. Es ist zudem kein feiner Stil unter Kollegen, Falschaussagen anderen Wissenschaftlern in die Schuhe zu schieben. Buck verweist in dieser Fussnote nämlich auf das von Reinhard Rürüp herausgegebene Buch „Topographie des Terrors“ (Berlin9 1987). Dort ist auf den Seiten 77-80 der „Geschäftsverteilungsplan des Reichssicherheitshauptamtes, Stand: 1. März 1941“ abgedruckt. Unter dem Eintrag „Referat IIIB3“ (p.78) findet sich die Angabe: „Rasse und Volksgesundheit (SS-HStuf Schneider)“. Weder der Geschäftsverteilungsplan noch Rürüp nennen also den Namen Hans Ernst Schneider. Zudem wurde Schneider (alias Schwerte) erst mit Wirkung vom 30. Januar 1943 zum Hauptsturmführer ernannt. Am 1. März 1941 bekleidete H.E. Schneider den Dienstrang eines SS-Obersturmführers.9 Ausserdem wurden in den Geschäftsverteilungsplänen minutiös akademische und andere Grade mitangegeben, und selbst wenn heute einige Leute in Zweifel ziehen sollten, ob Schneider in Königsberg jemals promovierte – im Dritten Reich wurde der Doktorgrad Hans Ernst Schneiders niemals infrage gestellt. Wenn Buck diese – ihm seit März bekannten – Tatsachen nicht davon abhalten, Schneider weiterhin als Referatsleiter im RSHA zu bezeichnen, dann möge er uns allen doch bitte mitteilen, weshalb Schneiders angebliche gleichzeitige Tätigkeit in zwei verschiedenen Dienststellen – dem RSHA und dem Persönlichen Stab RFSS – nirgends in seinen Personalakten vermerkt ist? Um es nochmals klar zu sagen: Der SS-Hauptsturmführer Schneider, der das Referat III B3 (Rasse und Volksgesundheit) im RSHA leitete, ist nicht Hans Ernst Schneider.10 Weder dieser Dienstgrad noch der Name Schneider sind in der SS eine Seltenheit gewesen: Allein im SD-Hauptamt sind fünf Schneider dingfest zu machen – keiner von ihnen identisch mit Hans Ernst Schneider.11

Dass sich die geistige Wende „langsam, aber sicher vollzog“, (p.57), wie Buck schreibt, scheint mir auch so. Allerdings nehme ich diesen Umstand als Indiz, dass es sich um eine wirkliche Neubesinnung handelte, um einen ernsthaften Versuch, sich intellektuell vom Nationalsozialismus zu lösen. Eine opportunistische Wende wäre m.E. einfacher zu bewerkstelligen gewesen. Gerade NS-Wissenschaftler, die in der sowjetisch besetzten Zone blieben und später in der DDR Hochschulkarriere machten, liefern hierfür mitunter traurige Beispiele. Ich erwähne nur Heinrich Junker, Ordinarius für Indogermanistik/Orientalistik in Leipzig, überzeugter Nationalsozialist schon in der Kampfzeit, der für den SD arbeitete und aktiv an der Ausschaltung des nichtarischen Professors für keltische Philologie in Berlin, Julius Pokorny, beteiligt war. Nach dem Krieg diente er sich dem sowjetischen Geheimdienst an und beklagte lautstark seine ‚Zwangsemeritierung‘ durch die amerikanischen Besatzer Leipzigs. Dann bekannte er sich als überzeugter Kommunist, endete schliesslich mit einem Lehrstuhl an der Humboldt-Universität und als Vorsitzender des Beirates für Sprachwissenschaft im DDR-Staatssekretariat für das Hochschulwesen und schloss seine Karriere mit der Ehrung zum „Verdienten Wissenschaftler des Volkes“ ab. Kein Wort davon, dass er im Dritten Reich u.a. den Kriegseinsatz der Orientalistik geleitet hatte…

Ich sehe wie Buck (p.78) ungefähr das erste Nachkriegsjahrzehnt als eine Übergangsphase an, in der bei Schwerte alte Denkschemata und ideologische Fixierungen noch immer wieder deutlich zum Ausdruck kommen, v.a. in den auch von von Buck zitierten Beiträgen in der Erlanger Universität. Nicht zustimmen kann ich seiner Aussage, dass eine ethisch-moralisch begründete innere Umkehr nur dann zu konstatieren gewesen wäre, wenn sie „unter dem Eindruck von Stalingrad und Auschwitz sofort 1945“ (p.78) erfolgt wäre. Diese unmittelbare Nebeneinanderstellung von Stalingrad und Auschwitz halte ich für wenig glücklich. Wer sich unter dem Eindruck von Stalingrad innerlich zu distanzieren begann, tat dies in der Regel aus pragmatisch-taktischen Gründen: er ahnte, dass die Sache für die Deutschen wohl ’schlecht‘ enden würde.12 Mit ethisch-moralischer Begründung, wie Buck sie an dieser Stelle einfordert, hat das m.E. nichts zu tun.13 Eine innere Umkehr angesichts der Menschheitsverbrechen in Auschwitz hätte nicht bis 1945 auf sich warten lassen dürfen. Oder konzediert Buck Schneider, dass er von der Vernichtung der europäischen Juden und der Arbeit der Einsatzgruppen im Osten nicht wusste?

Was den Annalen-Beitrag Schwertes betrifft, (pp.62-67) stellen sich mir einige Fragen. Er und die bezeichnende Kritik von Walter Jens sind schliesslich seit Jahrzehnten bekannt. Dieser Artikel ist immer schon problematisch gewesen, völlig unabhängig von Schwertes Vergangenheit im Dritten Reich. Ich frage mich, weshalb die Fachwelt ihn so geflissentlich übersehen bzw. mit Schweigen quittiert hat. Bucks Vermutung in Anm. 79, dass das mit „seinen [i.e., Schwertes] zahlreichen Bekanntschaften aus der NS-Zeit“ zu tun hat, halte ich für wenig stichhaltig; es tut der Effizienz und Dauer von Altnaziseilschaften etwas zuviel der Ehre an. Ich denke vielmehr, dass hier das weitverbreitete Phänomen eine Rolle spielt, so etwas als „Jugendsünden“ abzutun und grosszügig darüber hinwegzugehen. Das wirft für mich die Frage auf, welche ‚Kompromisse‘ die Nachkriegsgermanistik zu schliessen bereit war und ist, wenn es um inhaltliche Verfehlungen und polemisch-ideologische Entgleisungen von Kollegen aus den frühen Jahren der BRD geht.

Ich bin zwar Verschwörungstheorien nicht grundsätzlich abgeneigt, aber dass die gesamte Karriere Schwertes das Ergebnis von Altnazi-Netzwerken sein soll, halte ich doch für reichlich überzogen; abgesehen davon, dass mir diese Erklärung zu billig ist, weil sie alle anderen Kollegen gleichsam exkulpiert, die jahrzehntelang mitgeschwiegen haben. Vor diesem Hintergrund sehe ich die Entscheidung Schwertes, den Artikel in die von Buck zitierte Aufsatzsammlung aufzunehmen, (p.67) als ehrlichen Schritt an, sich wenigstens nach seiner Emeritierung zu diesem Fehler (nicht zum Inhalt, wie Buck meint) wieder zu bekennen. Das ist aber Interpretationssache.

Bucks Interpretation des Schwerte’schen Vorworts in Denker und Deuter im heutigen Europa (pp.67-69) läuft m.E. darauf hinaus, den (Nachkriegs-) Europagedanken schlechthin in die Tradition strategischer deutscher Planungen – sei es das Mitteleuropakonzept, das Internationale Syndikat oder das germanozentrische Europa der Nazis – zu stellen. Ich wüsste etliche Tories zu nennen, die solche Thesen mit Begeisterung aufnehmen. Das, was Schwerte 1954 schreibt, hat gedanklich mehr Ähnlichkeit mit dem „Aufruf an die Europäer“ von G.F. Nicolai, Otto Buek, Wilhelm Foerster und Albert Einstein aus dem Jahre 1914 als mit dem, was Schneider noch im März 1945 zu Papier gebracht hat; es ist entschieden weniger auf Konfrontation angelegt und rassistisch als die vor nicht allzu langer Zeit veröffentlichten Überlegungen Huntington’s über den bevorstehenden Clash of Civilizations ; und einige der Schwerte’schen Überlegungen konnte man dieses Frühjahr im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung wiederfinden, in einem Beitrag aus der Feder des Generalsekretärs des Goethe-Instituts.14

Der entscheidende Übergang im Sinne einer endgültigen Lösung von nationalistischen und nationalsozialistischen Fixierungen scheint mir die Habilitation, trotz einzelner Schwächen, die auch diese Arbeit hat. Jetzt indes herzugehen und Faust und das Faustische – wie überhaupt alle Veröffentlichungen Schwertes – auf jede noch so marginale Schwachstelle abzukopfen,15 um so die vermeintliche Mediokrität eines Kollegen ’nachzuweisen‘, das ist eine Methode, die mich sehr unangenehm an vergangene Zeiten erinnert. Noch dazu, wenn ein solches Niederschreiben eingeleitet wird mit dem exkulpierenden Satz: „Den meisten Rezensenten sind – wie seinerzeit auch mir – die hier aufgeführten Mängel des Buches entgangen.“ (p.74) So wie früheren Germanistikprofessoren entgangen war, dass einige ihrer Lehrer und Kollegen jüdischer Herkunft waren…

Das grundsätzliche Problem, das ich mit den Vorträgen von Buck und Jäger habe, besteht darin, dass die Art und Weise, wie hier mit einem Menschen umgegangen wird, wie ‚wissenschaftlich-philologische‘ Argumentationsmuster eingesetzt werden, um einem unliebsamen Kollegen vollends den akademischen Todesstoss zu versetzen, mich – man verzeihe mir meine Sprache – verdammt an Methoden erinnern, die ich aus meinen Dritte Reich-Forschungen kenne. Die Selbstverständlichkeit, mit der dies heute in der Bundesrepublik Deutschland möglich ist und von Wissenschaftlern akzeptiert wird, stimmt mich sehr nachdenklich.

 

1
Ludwig Jäger, Editorial, SuL 77-1996, 1-3, 3
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2
William von Baskerville zu Adson von Melk, in: Umberto Eco, Der Name der Rose. (trad. Burkhart Kroeber), München/Wien 1982
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3
Alle Seitenangaben beziehen sich auf den veröffentlichten Text seiner Abschiedsrede „Rückblick auf einen Vorgänger oder ‚Tat und Trug‘ des Hans Ernst Schneider“: Theo Buck, „Ein Leben mit Maske oder ‚Tat und Trug‘ des Hans Ernst Schneider“, Sprache und Literatur 77-1996, 48-81
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4
Michael Kater, Das ‚Ahnenerbe‘ der SS 1935-1945. Ein Beitrag zur Kulturpolitik [sic!] des Dritten Reiches. Studien zur Zeitgeschichte, hgg. vom Institut für Zeitgeschichte. Stuttgart 1974. (Zum GWE und Schneider cf. pp.170-187)
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5
Was nicht heisst, dass man Kater nicht kritisch lesen sollte. So war Schneider natürlich kein „österreichische[r] Germanist“ (p.174)
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6
Martin Broszat, Der Staat Hitlers. Grundlagen und Entwicklung seiner inneren Verfassung. München 1969, 131992, Karl Dietrich Bracher/Manfred Funke/Hans-Adolf Jacobsen (eds.), Nationalsozialistische Diktatur 1933-1945. Eine Bilanz. Bonn 1986; eidem (eds.), Deutschland 1933-1945. Neue Studien zur nationalsozialistischen Herrschaft. Düsseldorf 1992; Ian Kershaw, The Nazi Dictatorship. Problems and Perspectives of Interpretation. London/NY/et al. 31993
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7
Studien zur Zeitgeschichte Bd.25, hgg. vom Institut für Zeitgeschichte. Stuttgart 1984
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8
Einen einführenden Überblick über die ns. Propaganda bietet der Beitrag Peter Longerichs in Bracher/Funke/Jacobsen (eds.), 1992, 291-314; Weiterführendes in den Veröffentlichungen Willy A. Boelckes
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9
Siehe z.B. den R.u.S.-Fragebogen, datiert 10.IX. 1941, wo Schneider seinen Dienstrang mit „SS-Obersturmführer“ angibt. Buck wird Schneider/Schwerte in diesem Fall kaum unterstellen, plötzlich tiefgestapelt zu haben. (Berlin Document Center – Schneider, Hans, SSO file)
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10
Der andere SS-HStuf. Schneider war im Februar 1943 an einer sog. ‚Umsiedlungsaktion‘ von Juden in Sluzk (Weissrussland) beteiligt. Zu diesem Zeitpunkt hielt sich H.E. Schneider nachweislich in Berlin bzw. Salzburg auf. (Cf. AV Schneider 28.11.42 – BAK NS 21/974; Prot. Rössler 1.12.42 – BAK NS 21/794-101; AV Schneider 13.1.43 – BDC Plassmann file; Bericht Prodinger über Tagung der Lehr- und Forschungsstätte für germanische Volkskunde in Salzburg am 27.2.43 [an der Schneider teilnahm], o.D. – BDC Höfler file; Schneider an Schwalm 6.4.43 – BAK NS 21/981)
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11
SS-UStuf Gerhard Schneider (*13.10.13, RSHA IVE3), SS-OSchaf Hugo Schneider (*18.7.06, RSHA VIF und VIG), SS-UStuf Kurt Schneider (*2.2.01 [ohne Angabe der Dienststelle]), SS-OStuf Robert Schneider (*30.6.11, SDHA), SS-Stubaf Wilhelm Schneider (*11.12.87, RSHA VI). (BA Dahlwitz-Hoppegarten – ZR 920 A.145, „Liste der SS-Führer vom SD-Hauptamt“)
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12
Schwerte spricht im WDR-Interview davon, dass er und einige Kollegen nach Stalingrad den ‚Grössenwahn‘ Hitlers und der Reichsführung erkannt hätten.
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13
Auch die Militärs unter den Verschwörern des 20. Juli haben grösstenteils vorwiegend aus pragmatischen Gründen gehandelt: sie wollten die Niederlage noch abwenden. Bei ‚gutem‘ Kriegsverlauf wären für etliche unter ihnen die Menschheitsverbrechen kaum ein ausreichender Grund gewesen, Hitler beiseite zu schaffen.
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14
Horst Harnischfeger, „Kleinliche Kakophonie. Wie kann man eine europaweite kulturelle Identität entwickeln?“ Süddeutsche Zeitung 9./10. März 1996, 13
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15
Viele der ideologiekritischen Aussagen Schwertes fallen auf ihn selbst zurück. Das von ihm konstatierte „>So soll und muss es werden<„, das sich über das „reale >So ist es<“ schob, die „zweite Wirklichkeit“, die sich über die erste legt, all das ist zugleich auch eine (unbewusste?) Charakterisierung seines Lebens: Der Ideologiekritiker Schwerte hat seine eigene Biographie ‚ideologisiert‘. Das Ausklammern der Faust-Rezeption im Dritten Reich dürfte weniger damit zu tun haben, dass da angeblich nichts >Neues< hinzugekommen sei: es ist das Sich-Drücken vor der öffentlichen Auseinandersetzung mit dem eigenen literarisch-wissenschaftlichen Werk im Dritten Reich (und möglicherweise eine stillschweigende Konzession an Kollegen, die um seine Vergangenheit wussten).
Schwertes Vorwurf an die Adresse zahlreicher Philologen des Kaiserreichs und der Weimarer Republik, die >faustische Ideologie< als „Programm künftigen nationalen Handelns propagiert“ zu haben, ist gewiss zutreffend, an Chuzpe indes kaum zu übertreffen: schliesslich war er einer derjenigen, die dieses >Programm< dann exekutiert haben. die Rolle des Wegbereiters zu kritisieren und die eigene Rolle als Täter schweigend zu übergehen, zeugt von kaum fasslicher persönlicher Inkonsequenz. in der moralischen Verurteilung Schwertes stimme ich Buck in diesem Punkt eindeutig zu.
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© Joachim Lerchenmueller, Tübingen, 29. Oktober 1996

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