Irische Nationalisten mit Hauptsitz in New York

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Irische Nationalisten mit Hauptsitz in New York

Lange haben Iren in den USA den militanten Nationalismus in Nordirland gefördert

Der Bürgerkrieg in Nordirland wurde lange Zeit stark von nach Amerika ausgewanderten Iren beeinflusst. Diese waren aufgrund der besonderen Umstände der Massenauswanderung aus Irland und wegen ihres anfangs sehr geringen Ansehens in den USA ihrem Herkunftsland eng verbunden. Viele Ideen des militanten irischen Nationalismus und ein Teil des Geldes für den Kampf gegen die Briten in Nordirland kamen aus den USA; der Osteraufstand von 1916, der als Geburtsstunde des irischen Nationalismus galt, wurde von dort aus angezettelt. Aber auch zur Beilegung des Konflikts in den neunziger Jahren haben irischstämmige US-Amerikaner wesentlich beigetragen.

Joachim Lerchenmueller

Der irische Osteraufstand von 1916 bescherte Irland einen Krieg mit England (1919-21), einen kurzen, aber erbittert geführten Bürgerkrieg (1922) sowie die staatliche Teilung der Grünen Insel. Er legte damit den eigentlichen Grund für die jahrzehntelangen gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen vorwiegend katholischen Republikanern und vorwiegend protestantischen Unionisten in Nordirland. (Die Unionisten traten für die Union Nordirlands mit Großbritannien ein, die Republikaner wollten Nordirland mit der Republik Irland im Rest der Insel zusammenführen; Anm. d. Red.)

Der Osteraufstand war der letzte in einer Serie gescheiterter Aufstände gegen die britische Herrschaft in Irland. Auch die Ausrufung der Irischen Republik an jenem Ostermontag 1916 blieb zunächst erfolglos: Die Erhebung wurde von den Briten schnell und blutig niedergeschlagen, der zentrale Ort des Aufstandes – das Dubliner Hauptpostamt – von britischer Artillerie in Schutt und Asche gelegt, die irischen »Rädelsführer«, unter ihnen der Schriftsteller Patrick Pearse, hingerichtet.

Einer der Gründungsmythen des modernen irischen Staates ist, dass der Osteraufstand Ausdruck des allgemeinen nationalen Strebens nach Unabhängigkeit gewesen sei. Es ist noch nicht lange her, dass man in Irland davor zurückscheute, offen auszusprechen, was die historische Forschung längst gezeigt hatte: Der Aufstand gegen England mitten während des Ersten Weltkrieges fand keineswegs die Unterstützung der Mehrheit der irischen Bevölkerung. Der Osteraufstand war vielmehr die verzweifelte Aktion einer kleinen und radikalen Gruppe von Verschwörern, deren Drahtzieher außerhalb Irlands saßen: in den Vereinigten Staaten. Das Hauptquartier dieser Hintermänner war in New York, am Sitz der irisch-amerikanischen Vereinigung Clann na Gael (»Die Familie der Iren«).

Der Clann war eine Geheimorganisation, die 1867 von Iren in den USA gegründet worden war, um eine Revolution in Irland vorzubereiten und die amerikanische Öffentlichkeit und Politik im Irisch-nationalistischen Sinne zu beeinflussen. Seine Gründer waren so genannte Fenians (der Begriff ist vom irischen Fianna abgeleitet, was »Kämpfer« bedeutet), die sich nach den fehlgeschlagenen Aufständen in Irland 1848 und 1867 im amerikanischen Exil organisierten. Der Clann war weder die erste noch die letzte von Iren in Amerika gegründete Organisation, doch er war in jenen Jahren, in denen die entscheidenden Weichen für den Gang der irischen Geschichte im 20. Jahrhundert gestellt wurden, die tonangebende in den USA und in Irland.

Seit der Wende zum 20. Jahrhundert sammelten sich im Clann all jene irisch-amerikanischen Kräfte, die eine politisch-parlamentarische Lösung der »irischen Frage« ablehnten. Der Clann repräsentierte damit den militanten irischen Nationalismus. Dessen Gegenspieler in Irland war seit 1900 die Irische Parlamentarische Partei (Irish Parliamentary Party) unter John Redmond. Sie setzte auf die politisch-administrative Autonomie Irlands innerhalb des Vereinigten Königreiches, die sogenannte Selbstregierung (Home Rule). In der Überzeugung, dass Redmonds politischer Nationalismus nicht wirklich die Unabhängigkeit Irlands zum Ziel habe, bekämpfte der Clann die Redmondites und setzte stattdessen auf die gründliche und langfristige Vorbereitung eines militärischen Aufstandes. Aus diesem Grunde hieß der Clann 1913/14 auch die Aufstellung des paramilitärischen Freiwilligenverbandes Irish Volunteers in Irland gut und unterstützte ihn finanziell, obwohl die nationalistischen Volunteers eigentlich dazu dienen sollten, die Durchführung der Selbstregierung in ganz Irland gegen den angedrohten Widerstand der Ulster-Protestanten zu gewährleisten.

Bei Kriegsausbruch im August 1914 wurde das im britischen Parlament schon verabschiedete Home Rule-Gesetz für Irland zunächst einmal auf Eis gelegt: Krieg ist keine gute Zeit für verfassungspolitische Reformexperimente. So einsichtig dieses Argument aus Londoner Perspektive erschien, in Dublin und in New York wurde diese Entscheidung als neuerliche Niederlage des gewaltlosen irischen Nationalismus angesehen. In diesem Sinne erledigten die Schüsse von Sarajevo, die den Weltkrieg auslösten, auch die Aussichten für eine friedliche Lösung der irischen Frage.

Für die irisch-amerikanischen Führer des Clann stand dagegen mit Kriegsausbruch fest: »Schwierigkeiten für England bedeuten Gelegenheiten für Irland.« Mit Hilfe der kaiserlichen deutschen Regierung bereiteten der Clann und seine Mitglieder in Irland in den folgenden anderthalb Jahren den bewaffneten Aufstand in Irland vor. Britische Kriegsgefangene irischer Herkunft wurden von den Deutschen ausgesondert und in eine »Irische Brigade« innerhalb der preußischen Armee gesteckt, deutsche Waffen wurden per Schiff auf den Weg nach Irland geschickt, und deutsches Geld half mit, pro-irische und pro-deutsche Propaganda in den USA zu finanzieren. Diese »Politik der Revolutionierung« zielte darauf ab, die Kriegsgegner Deutschlands zu schwächen, indem sie gezwungen werden sollten, Truppen und Material an anderen Konfliktherden einzusetzen. Aus demselben Grunde unterstützten die Deutschen während des Weltkrieges unter anderem auch die russischen Revolutionäre um Lenin.

Während die russische Oktoberrevolution 1917 jedoch erfolgreich war, scheiterte der zu Ostern 1916 von den Irish Volunteers angezettelte Aufstand in Dublin. Er scheiterte sowohl an der Übermacht britischer Truppen als auch an zu geringer Unterstützung aus der irischen Bevölkerung. Es kam nicht, wie von den irischstämmigen Amerikanern ursprünglich gehofft, zu einem Massenaufstand.

Die Hinrichtung durch die Briten machte die Führer des Aufstandes allerdings zu Märtyrern, die sich in die lange Reihe der Opfer des irischen Unabhängigkeitskampfes einreihten; und in den folgenden Monaten und Jahren gewann die Aufständischen-Partei Sinn Féin (»wir allein«) die Unterstützung großer Teile der irischen Bevölkerung. Die Exil-Iren in Amerika wurden 1916 in der Öffentlichkeit zwar zunächst einmal dadurch kompromittiert, dass ihre Kollaboration mit dem kaiserlichen Deutschland publik wurde. Allerdings stieß auch in den USA die unverhältnismäßig harte Bestrafung der Aufständischen seitens der britischen Justiz auf Kritik, was bedeutete, dass die »irische Sache« auch weiterhin mit einigem Wohlwollen begleitet wurde.

Für die exil-irischen Organisationen stellte vor allem der Eintritt Amerikas in den Weltkrieg im April 1917 einen Rückschlag dar. Er brachte den Clann und die irischstämmigen Amerikaner insgesamt in eine schwierige Position. Denn in den USA waren der Clann und andere irisch-amerikanische Organisationen ein offenes Bündnis mit deutsch-amerikanischen Verbänden eingegangen, um der Berichterstattung der überwiegend pro-britischen Presse der Ostküste zu begegnen und als gemeinsame Lobby in Washington die fortwährende Neutralität der USA im Weltkrieg zu gewährleisten. Mit dem Kriegseintritt der USA auf der Seite Frankreichs und Großbritanniens wurde der Patriotismus der Irish-Americans zunächst ebenso infrage gestellt wie jener der German-Americans. Die Angehörigen beider ethnischen Gruppen wurden als »Bindestrich-Amerikaner« denunziert, deren Loyalität dem neuen Vaterland gegenüber geteilt sei. Der Vorwurf erwies sich zwar in beiden Fällen als unberechtigt. Aber er sollte die soziale Organisation und den politischen Einfluss der deutschstämmigen Amerikaner für immer entscheidend schwächen, während die irischstämmigen nach Kriegsende mit großer Selbstverständlichkeit wieder in den USA für die Ziele und Interessen der irischen Unabhängigkeitsbewegung warben.

Mit Kriegsende stellte sich auch in Großbritannien die Frage nach dem zukünftigen Status von Irland im Vereinigten Königreich mit neuer Dringlichkeit. Die innere Autonomie war 1914 vom Parlament in Westminster schon verabschiedet, nur seine Durchführung war auf die Zeit nach dem Krieg verschoben worden. Mit Selbstregierung wollte sich nach dem Osteraufstand und den nachfolgenden Ereignissen in Irland allerdings kaum jemand mehr zufrieden geben. Entsprechend führten die Wahlen zum britischen Unterhaus im Dezember 1918 zu einem überwältigenden Wahlsieg der republikanischen Sinn Féin in Irland. Und deren gewählte Abgeordnete reisten im Januar 1919 nicht nach London, sondern konstituierten sich als »irisches Nationalparlament« in Dublin, wo sie erneut die Irische Republik ausriefen.

In den folgenden Monaten kam es zu immer heftigeren Auseinandersetzungen zwischen britisch-irischen Polizei-und Armee-Einheiten einerseits und Mitgliedern der Irish Volunteers (die nunmehr als Irisch-Republikanische Armee IRA bezeichnet wurden) andererseits. Die britischen Versuche, Recht und Ordnung in Irland wiederherzustellen, eskalierten in einem Guerilla-Krieg, den die im Weltreich siegreiche britische Armee nicht gewinnen konnte.

Starke Unterstützung erhielt die IRA während des sogenannten anglo-irischen Krieges 1919-21 erneut aus den USA. Dort gelang es den im März 1916 in New York gegründeten Friends of Irish Freedom (Freunde der Freiheit Irlands) in kürzester Zeit, enorme Geldmengen zu sammeln und die Sympathien fast der gesamten irisch-amerikanischen Gemeinschaft in den USA für Sinn Féin zu gewinnen. Getragen wurde diese Sympathie nicht zuletzt von der Empörung über die Exzesse der sogenannten Black and Tans in Irland, die als englische Hilfspolizisten in ihrem Krieg gegen die IRA unterschiedslos tatsächliche und vermeintliche IRA-Sympathisanten verfolgt und ermordet hatten.

Erst Ende 1921 wurde der anglo-irische Konflikt vertraglich beigelegt. Der damals geschlossene, bis heute einfach als the Treaty bezeichnete Vertrag gestand den Iren eine großzügige innenpolitische Autonomie zu – allerdings nur in den 26 Grafschaften des Südens und Nordwestens. Sechs Grafschaften der Provinz Ulster, in denen die Mehrheit der Bevölkerung protestantisch war, blieben ausgespart: Irland wurde geteilt. Der Vertrag war nicht nur in dieser Hinsicht ein Kompromiss, denn die Briten erkannten die 1916 und erneut 1919 ausgerufene Irische Republik keineswegs an, und der britische König blieb das Staatsoberhaupt der Iren. Über die Frage der Annahme oder Ablehnung dieses Kompromisses kam es 1922 zum militärischen Konflikt zwischen den Unabhängigkeitskämpfern.

Der irische Bürgerkrieg von 1922 war jedoch auch in persönlichen Rivalitäten zwischen führenden irischen Republikanern begründet. Die Nachricht von diesem »Bruderzwist« schockierte die überwiegende Mehrheit der Irish-Americans nachhaltig. In den folgenden Jahren und Jahrzehnten ging die politische und finanzielle Unterstützung für die IRA, die für viele Jahrzehnte den irischen Staat und seine Institutionen nicht anerkannte, in den USA stark zurück. Auf ebenso wenig Verständnis unter den amerikanischen Iren stieß später die Zusammenarbeit der IRA mit Vertretern des nationalsozialistischen Deutschland. Aber auch die Außenpolitik des südirischen Staates in den späten 1930er und 1940er Jahren löste bei vielen Irish-Americans Empörung aus – vor allem die strikte Neutralität im Zweiten Weltkrieg, die vor allem durch die Absicht motiviert war, Unabhängigkeit vom Vereinigten Königreich zu demonstrieren.

Damit ist zugleich auch gesagt, dass der politische Einfluss der Exil-Iren auf Entwicklungen in Irland während des Ersten Weltkrieges und unmittelbar danach seinen Höhepunkt erreichte. Dieser Einfluss ging seit den zwanziger Jahren drastisch zurück und nahm erst nach Ausbruch des Nordirland-Konfliktes Ende der sechziger Jahre wieder markant zu.

Dass die Irish-Americans eine so wichtige Rolle beim Kampf um die irische Unabhängigkeit spielten und in Nordirland noch heute spielen, ist wenig überraschend. Dieser Einfluss ist zu erklären mit den sozio-ökonomischen und politischen Umständen, die zur irischen Masseneinwanderung in die USA führten: Der Hungerkatastrophe der 1840er Jahre fielen in Irland über eine Million Menschen zum Opfer, und sie führte dazu, dass in den folgenden Jahren und Jahrzehnten Millionen von Wirtschaftsflüchtlingen Irland in Richtung Amerika verließen. Hinzu kamen jene im irischen Untergrund aktiven Republikaner, die ihre Heimat verlassen mussten, um der britischen Justiz zu entgehen.

Beide Gruppen – politische und wirtschaftliche Flüchtlinge – machten die britische Herrschaft in Irland für ihr Schicksal verantwortlich, wie überhaupt der irisch-nationalistische Diskurs von je her dazu tendiert hat, alle Probleme der irischen Gesellschaft auf die britische Kontrolle über Land und Leute zurückzuführen. Mit den Worten des irischen Nationalisten Roger Casement, der 1916 wegen seiner Teilnahme am Osteraufstand und seiner Kollaboration mit dem deutschen Kaiserreich in Großbritannien hingerichtet wurde: «England ist demokratisch in seiner eigenen Regierung, sowie im Verkehr mit den großen weißen Völkern Canadas, Australiens, Neu-Seelands und Süd-Afrikas. Es ist nicht demokratisch im Verkehr mit Untertanen innerhalb des Reiches vor allem mit den Indern oder den Iren. […] Den Iren gegenüber ist sein Verhalten das einer ansässigen Autokratie, die bestrebt ist, dem unterjochten Volke den Aufenthalt in seinem eigenen Lande möglichst zu erschweren und an Stelle der Vertriebenen Vieh zur Ernährung der Briten zu züchten.«

Die persönlichen Umstände, die sie zur Auswanderung gezwungen hatten, und die kollektive traumatische Erfahrung der Hungerkrise prägten die Einstellung der ausgewanderten Iren zu ihrer ursprünglichen Heimat nachdrücklich. Beide Faktoren trugen dazu bei, die Verbundenheit mit dem Land, das man verlassen, und den Verwandten, die man zurückgelassen hatte, zu bewahren. Diese Verbundenheit wurde auch dadurch am Leben gehalten, dass die irische Emigration nach den USA bis in die 1990er Jahre anhielt, dass die Geldtransfers irischer »Gastarbeiter« in den USA an Verwandte in Irland lange Zeit von großer Bedeutung waren und dass jedes Jahr Tausende US-Bürger irischer Abstammung auf die Grüne Insel reisen. Dort suchen sie nach ihren Wurzeln, besuchen die Geburtsorte ihrer Vorfahren und hoffen, entfernte Verwandtschaft zu finden.

Ein weiterer wichtiger Faktor, der die andauernde Identifikation der Irish-Americans mit ihrer alten Heimat erklärt, ist die Erfahrung des Rassismus, die sie in ihrer neuen Heimat machen mussten. Auf der Skala ethnisch-nationaler Wertigkeit waren die Iren in den USA des späten 19. Jahrhunderts weit unten angesiedelt. Der typische irische Immigrant war katholisch, er entstammte einem ländlich-bäuerlichen Umfeld, und er war in einer Gesellschaft aufgewachsen, in der sozialer Ungehorsam und offene Verachtung gegenüber den Herrschenden im Zweifel als Ausweis nationaler Gesinnung und damit als Beweis von Mut gelten konnten. Diese »katholische Plebs«, die in immer größerer Zahl in die USA einwanderte, war schon allein wegen ihres Akzents und Sprachgebrauchs leicht zu identifizieren. Sie wurde zum Spott-und Hassobjekt für die vorwiegend angelsächsische protestantische Oberschicht der US-amerikanischen Ostküstengesellschaft, deren amerikanische Wurzeln vergleichsweise weit in das 17. und 18. Jahrhundert zurückreichten.

Diese Umstände – die politisch-soziale Unterdrückung in Irland und die anfängliche Diskriminierung in den USA – begünstigten die soziale Organisation der Iren in den Vereinigten Staaten auf lokaler wie auf nationaler Ebene. Die vielfältigen Vereinigungen der Irish-Americans dienten dabei einem doppelten Zweck: der Unterstützung der alten Heimat und der Interessenvertretung in der neuen.

Dabei zeigte sich bald, dass diese Zwecke einander gegenseitig beförderten. Durch die Propagierung der Ziele des militanten irischen Nationalismus, nämlich Unabhängigkeit vom britischen Weltreich und Errichtung einer Republik, wurden einerseits Bezüge zum Traditionsbestand der US-amerikanischen Gesellschaft hergestellt: Auch die Geschichte der Vereinigten Staaten begann mit der Forderung nach politischer Selbstbestimmung und kulminierte im offenen Aufstand gegen die britische Herrschaft. Anderseits weckte diese Propagierung in der US-amerikanischen Öffentlichkeit Interesse und Verständnis für die schwierige soziale und politische Lage in Irland. Das Interesse an der Geschichte und dem Schicksal des Landes wurde im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert von zwei Entwicklungen zusätzlich befördert: Der neu etablierten Wissenschaft von den Kelten, der Keltologie, die sich mit der historischen Überlieferung der nicht romanisierten keltischen »Rasse« befasste, und der literarischen »keltischen Renaissance«, für die Lady Gregory, W.B. Yeats, John M. Synge, George B. Shaw, Oscar Wilde und andere stehen.

All dies trug zur allmählichen Integration der Irish-Americans in die US-Gesellschaft bei, bedeutete aber auch, dass die enge Verbundenheit mit Irland und der »irischen Sache« über Generationen hinweg erhalten blieb. Diese Verbundenheit äußerte sich seit den späten 1960er Jahren erneut auch in aktiver politischer Einflussnahme auf Entwicklungen auf den britischen Inseln. Nicht zuletzt die Unterstützung aus irisch-amerikanischen Kreisen ermöglichte der Provisional IRA in den siebziger, achtziger und neunziger Jahren, ihre Bombenanschläge und Attentate in Irland und England auszuführen. Doch während zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Einstellung vieler Irish-Americans zur »irischen Frage« noch von persönlichen Erfahrungen und von Gesprächen und Erzählungen darüber geprägt war, wurde sie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert vor allem durch das kollektive Gedächtnis der Irish-Americans und die Vermittlung des Nordirland-Problems über die Medien in den USA bestimmt.

Dabei wurde die Sympathie für irisch-republikanische Ziele und damit oft auch die Akzeptanz der gewaltsamen Methoden der IRA dadurch erleichtert, dass die »irische Frage« in den Rahmen anderer zeitgenössischer Entwicklungen eingeordnet wurde. Nach der gängigen Interpretation wurden die sogenannten Troubles (Unruhen) in Ulster – der Begriff an sich ist schon verharmlosend – ausgelöst von der Unterdrückung der nordirischen Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre, die gegen die Diskriminierung der katholischen Minderheit in der Provinz protestierte. Die Forderung nach dem Abzug der britischen Truppen aus Nordirland und der »Entlassung« der Provinz aus dem Vereinigten Königreich wurde und wird in den USA in Verbindung gebracht mit dem Prozess der Entkolonialisierung des afrikanischen Kontinents und des Widerstands gegen Militärdiktaturen in Mittel-und Lateinamerika. Es nimmt daher nicht Wunder, dass gerade in Kreisen des liberalen Establishments der USA Irland und die »irische Sache« viel Sympathie genießen.

Diese Re-Interpretation der »irischen Frage« ging einher mit der allmählichen Romantisierung des Irlandbildes unter den Nachfahren der irischen Einwanderer in die USA. Dieses Bild ist heute wohl in wesentlichen Teilen identisch mit dem Bild, mit dem Irland für sich als Urlaubsziel wirbt: das Land von Guinness und Austern, zwangloser Pubkultur, uneingeschränkter Gastfreundschaft, jovialer Freundlichkeit und unberührter, wilder Natur. Die politischen und sozialen Probleme, die den seit 1922 formal unabhängigen Südstaat bis in die achtziger Jahre plagten, blieben dabei in der Wahrnehmung weitgehend ausgespart: der Rassismus gegen die nicht sesshaften irischen Travellers, die soziale chtung unehelich geborener Kinder und ihrer Mütter, die repressive Sozial-und Familienpolitik, das Fehlen einer klaren Trennung von Kirche und Staat, die chronische Arbeitslosigkeit.

Gleichzeitig ist die Bedeutung anzuerkennen, welche die Lobby der Iren in Amerika für den gegenwärtigen Friedensprozess in Nordirland gehabt hat. Ihrem Einfluss auf die US-amerikanische Politik ist es zu verdanken, dass verschiedene Regierungen, zuletzt und vor allem unter Präsident Clinton, sich aktiv in der »irischen Frage« engagierten und Druck auf die britische Regierung ausübten, um eine politische Lösung des Nordirland-Problems anzustreben. Nicht weniger hoch dürfte der Einfluss zu veranschlagen sein, den die Iren in Amerika in den 1990er Jahren auf die irisch-republikanische Bewegung in Irland ausübten, damit diese einer Waffenruhe in Nordirland zustimmte. Dass amerikanische Regierungen das Nordirland-Problem wiederholt zu einem wichtigen Gegenstand der britisch-amerikanischen Beziehungen machten, ist ein direktes Ergebnis der erfolgreichen sozialen Organisation der Iren in Amerika.

Die Irish-Americans sind ein hochmobilisiertes Wählerpotenzial, das kein amerikanischer Politiker ignorieren kann. Und sie haben wiederholt irischstämmige Politiker in hohe politische Ämter gewählt: John F. Kennedy, die langjährigen Senatoren Edward Kennedy und Patrick Moynihan oder den früheren Sprecher des Repräsentantenhauses Tip O’Neill, um nur einige US-amerikanische Spitzenpolitiker der Nachkriegszeit zu nennen. So erklärt sich auch die Toleranz, mit der man in Amerika irischen Organisationen begegnet ist, deren Verbindung zum nordirischen Terrorismus durchaus bekannt war. Während die offizielle US-Politik bis vor wenigen Jahren noch jeden Kontakt mit Vertretern der PLO ablehnte, wurden Repräsentanten der Sinn Féin immer schon im US-Kongress empfangen und konnten irisch-amerikanische Organisationen in den USA Fundraising betreiben, dessen Erlöse letztlich in die Kriegskasse der IRA geflossen sein dürften.

Literatur

Roger Casement, Die Ursachen des Krieges und die Grundlagen für den Frieden. Der Herr und Wächter der Meere; autorisierte Übersetzung, Diessen vor München 1915 (Zitat: S. 11).

Tim Pat Coogan, The IRA. London 1987.Michael F. Funchion (Hg.), Irish American Voluntary Organizations; Westport/London 1983.

Declan Kiberd, Inventing Ireland. The Literature of the Modern Nation; London 1995.

Joseph J. Lee, Ireland 1912-1985. Politics and Society; Cambridge/New York 1989.

Joachim Lerchenmueller, »Keltischer Sprengstoff«. Eine wissenschaftliche Studie über die deutsche Keltologie von 1900 bis 1945; Tübingen 1997.

aus: der überblick 02/2001, Seite 42

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