Schwerte-Schneider – der Organisator der Menschenversuche in Dachau?

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Joachim Lerchenmueller/Gerd Simon
Schwerte-Schneider – der Organisator der Menschenversuche in Dachau?

Zu den neueren Aachener Versuchen der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ihres ehemaligen Rektors

Der Fall ist bekannt: der SS-Hauptsturmführer Hans Ernst Schneider, ohne den im 2. Weltkrieg in den „germanischen Randländern“ Flandern, Niederlande und Norwegen (in Dänemark kam man über einen Versuch nicht hinaus) in Sachen Wissenschaft nichts lief, heiratete nach dem Kriege unter dem neuen Namen Hans Schwerte seine Frau zum zweiten Mal, promovierte zum zweiten Mal zum Dr. phil., habilitierte sich und wurde dann in den 60er Jahren Germanistikprofessor und schließlich Rektor der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen. Seit Schwerte im April 1995 kurz vor den Enthüllungen holländischer Journalisten mit dem Bekenntnis an die Öffentlichkeit ging, er sei mit dem SS-Hauptsturmführer Dr. Schneider identisch, erregt der „Fall“ die Gemüter, und das nicht nur die der Germanisten. Unter den wie Pilze aus dem Erdboden schießenden Darstellungen zu diesem Thema ragt die von Ludwig Jäger auf dem ersten Blick durch umfassende Autopsie heraus:

Ludwig Jäger: Seitenwechsel. Der Fall Schneider/Schwerte und die Diskretion der Germanistik. München: Fink Verlag. 1998

Jäger versucht seine Hauptthese, Schneider sei „Organisator“ der Menschenversuche gewesen, mit einer Fülle von Belegen zu unterfüttern. Bei näherem Hinsehen geben alle diese Belege mit einer sogleich anzusprechenden Ausnahme nicht mehr her als die von der Forschung bisher mit Recht als repräsentativ angesehenen Belege. Die von Jäger zitierten Belege waren auch jedem bekannt, der überhaupt die Quellen eingesehen hat. Sie alle zu zitieren, beeindruckt nur den, der von der Quantität der Belege auf ihre Qualität oder Unwiderlegbarkeit zu schließen bereit wäre. Einer der Verfasser der vorliegenden Rezension (Gerd Simon) hat diese Belege schon vor über einem Dutzend Jahren in der Hand gehabt. Ihn hätten sie schon damals – unabhängig von dem Namenswechsel, den aufzudecken, kriminalistische Methoden und Vorinformationen erfordert hätten – zu einer Publikation über den Zusammenhang zwischen Philologie und Menschenversuchen veranlaßt, wenn sie sich auch auf den zweiten und dritten Blick als dazu tauglich erwiesen hätten. Selbst die Staatsanwaltschaft München kam nach monatelangen Ermittlungen zu dem Ergebnis, daß diese Belege jedenfalls als Nachweis dafür nicht in Frage kommen, daß Schneider wußte, was Rascher mit den von ihm aus der Universität Leiden vermittelten Unterkühlungsgeräten faktisch anstellen wollte.

Im Original nicht bekannt war uns Jägers Spitzenbeleg für seine Organisator-These, ein im Auftrag des Reichsgeschäftsführers Sievers gezeichneter Brief an Rascher:

Wie Dr. Schneider fernmündlich nach Darlegung der Sachlage mitteilte, ist der Gesamtvorgang einschließlich des Antrags an SS-Obergruppenführer Wolff zur beschleunigten Erledigung weitergeleitet worden. Auf die Feststellung, daß Ihre Kommandierung am morgigen Tag ablaufe, bemerkte er, daß Sie ruhig in Dachau bleiben könnten. Er würde das auf seine Kappe nehmen. 1

Wir sehen hier einmal davon ab, daß dieser Beleg für einen Historiker oder Philologen, der die Methode der textnahen Interpretation beherrscht, Jägers Organisator-These auch nicht zu tragen vermag. Von Humanexperimenten ist hier nicht die Rede. Es geht hier lediglich um die uk- (d.h. unabkömmlich) Stellung Raschers (für den Militärdienst), die ein Dr. Schneider auf seine Kappe zu nehmen bereit ist. Man fragt sich nur, wieso unser Schneider, der zu dem Zeitpunkt in Den Haag tätig war, überhaupt mit Raschers uk-Stellung hätte befaßt werden sollen und was es Rascher genützt hätte, wenn ein nachweislich nichtzuständiger Mensch hier irgend etwas auf seine Kappe genommen hätte. Wenn unser Schneider mit der Organisation der Rascherschen Menschenversuche beauftragt gewesen wäre, dann hätte er übrigens noch ganz andere Dinge regeln müssen, die bei der reichhaltigen Überlieferung zu diesem Komplex sicher noch in vielen Archivalien aktenkundig geworden wären. Für alle diese Fragen gibt Jäger keine Erklärung.

Das Rätsel löst sich einfach auf, wenn Jäger eine Regel ernst genommen hätte, an die er sich sofort erinnert, wenn sie andere verletzen2 : In jeder Archivalie zu kontrollieren, welche Personen genau mit den Namen gemeint sind. Allerweltsnamen wie Schneider erfordern dabei besondere Achtsamkeit.

Jäger zitiert seinen Spitzenbeleg für die Organisator-These aus einer »Quelle«, die Historiker ohnehin Grund hätten dubios zu nennen, nämlich aus einem Artikel der »Aachener Nachrichten«, (signiert mit J. Zinsen), in dem behauptet wird, der Beleg stamme von der Staatsanwaltschaft.

Die »Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen«, die Kopien von Archivalien sammelt und archiviert, damit Staatsanwaltschaften sie in entsprechenden Verfahren verwerten können, kennt offenbar das von Jäger zitierte Schreiben auch nicht, dafür aber zwei Telegramme aus der gleichen Zeit mit ähnlichem Wortlaut und einen Aktenvermerk, sämtlich gezeichnet mit SS-Untersturmführer Wolf-Dietrich Wolff. Dieser ist nicht zu verwechseln mit Himmlers Chefadjutanten SS-Ober(st)gruppenführer Karl Wolff, 3. Wolf-Dietrich Wolff war der Adjutant des Reichsgeschäftsführers Sievers. Letzterer weilte in dem uns hier interessierenden Zeitraum in Südtirol und ließ sich in Berlin durch Wolff vertreten.

Die in der »Zentralen Stelle« aufbewahrten Kopien von Archivalien zur uk-Stellung Raschers lassen keinen Zweifel daran, daß der dort erwähnte Dr. Schneider Oberstabsarzt in der Dienststelle »Inspekteur des Sanitätswesens der Luftwaffe im Reichsluftfahrtsministerium« war., Es handelt sich hierbei um die vorgesetzte Behörde, der Rascher bis zur gänzlichen Übernahme in das »Ahnenerbe« unterstellt war. Dr. med. Schneider ist mit unserem Dr. phil. Schneider also nicht identisch. Der Aktenvermerk, der auch die Telegramme integriert, hat folgenden Wortlaut:

Betr.: Verlängerung der Kommandierung des SS-Untersturmführers Stabsarzt Dr. Rascher nach Dachau

In obiger Angelegenheit wurde am 12.5.42 Frau Rascher von dem Inhalt des Schreibens des Persönlichen Stabes RFSS vom 9.5.42 – Tgb. Nr. AR 704/6 H/G. – (Eingang beim „Ahnenerbe“: 11.5.42) in Kenntnis gesetzt, mit der Bitte, diese Mitteilung ihrem Gatten weiterzugeben.

Zur Beschleunigung der Kommandierungsverlängerungen durch SS-U’Stuf. Dr. Rascher persönlich wurde als Beleg für ihn folgendes Telegramm auf den Weg gebracht:

„Der Inspekteur des Sanitätswesens der Luftwaffe, Generaloberstabsarzt Prof. Dr. Hippke, teilte dem Reichsführer-SS Persönlicher Stab am 27.4.42 mit, daß er den Antrag des SS-Obergruppenführers und Generals der Waffen-SS Wolff dem Luftgauarzt 7 mit der Weisung weitergeleitet habe, Ihr Kommando nach Dachau zu verlängern.

Der Reichsführer-SS Persönl. Stab (gez.) Wolff SS-Untersturmführer“

Infolge dienstlicher Abwesenheit des Referatsleiters beim Inspekteur für Sanitätswesen der Luftwaffe konnte erst am 13.5. eine fernmündliche Rücksprache mit Oberstabsarzt Dr. Schneider erfolgen. Oberstabsarzt Dr. Schneider teilte mit, daß der Kommandierungsvorgang Dr. Rascher bereits vor längerer Zeit dem Luftgauarzt 7 zugeleitet worden sei und die Kommandierung ganz bestimmt verlängert werde.

Auf meine Vorstellungen, daß die derzeitige Kommandierung Dr. Raschers in diesen Tagen ablaufe, er aber von einer Verlängerung des Kommandos noch nichts erfahren habe, bemerkte Oberstabsarzt Dr. Schneider, daß Dr. Rascher „ruhig in Dachau verbleiben könne und abwarten solle!!“ Meinen Hinweis, daß sich Dr. Rascher in solchem Falle vermutlich strafbar mache, beantwortete Oberstabsarzt Dr. Schneider wörtlich wie folgt:

„….trotzdem könne er ruhig in Dachau verbleiben, das nehme ich auf meine Kappe…“.

Dr. Rascher wurde daraufhin mit einem weiteren Telegramm folgenden Wortlauts unterstützt:

„Wegen der Kommandierungsverlängerung ist mit der Dienststelle des Inspekteurs des Sanitätswesens der Luftwaffe im Reichsluftfahrtministerium, Oberstabsarzt Dr. Schneider Rücksprache erfolgt. Die Kommandierung muß nach Auskunft Oberstabsarzt Dr. Schneider in diesen Tagen verlängert werden. Er übernimmt Verantwortung für längeres Verbleiben in Dachau ohne schriftlichen Befehl.

Der Reichsführer-SS Persönlicher Stab (gez.) Wolff SS-Untersturmführer“

Im Hinblick auf das nur telefonisch erfolgte Anerbieten Oberstabsarzt Dr. Schneiders, die Verantwortung für ein längeres Verbleiben in Dachau ohne schriftlichen Befehl zu übernehmen, ist jedoch Dr. Rascher empfohlen worden, sich lieber um eine positive Kommandierungsverlängerung zu bemühen. 4

Die Akte NS 21/913, in der die Archivalien der »Zentralen Stelle« überliefert sind, ist eine „Rascher-Akte“, jedenfalls keine „Schneider-Akte“, und schon deswegen besonders kritisch unter die Lupe zu nehmen: ohne Heranziehung der Schriftstücke in der Umgebung ist sie jedenfalls nur bedingt verwertbar. Mit dem Nachweis der Nicht-Identität des Dr. Schneider in dem von Jäger zitierten Spitzenbeleg mit dem SS-Obersturmführer Dr. Hans Ernst Schneider liegt nicht nur die Organisator-These ohne jeden überzeugenden Beleg am Boden – er erregt auch heftige Zweifel an Jägers „Belegen“ da, wo man geneigt ist, sie als quellenkritisch bearbeitet zu betrachten.

Als wir seinerzeit Jägers und Bucks Artikel in der Zeitschrift »Sprache und Literatur« einer Kritik unterzogen, war bereits einer unserer Kritikpunkte, daß diese Aachener Fraktion sorglos mit der Überprüfung ihrer Informationsquellen umgeht. Buck hatte z.B. Hans Ernst Schneider trotz unserer ihm bekannten (schriftlichen) Kritik an einer Vorfassung des gedruckten Textes mit einem Dr. Schneider im Hauptamt des Sicherheitsdienstes (III B 3) zusammengeworfen. Jäger hatte diesen Lapsus seines „Mitstreiters und Freundes“ am Telefon als Versehen entschuldigt. Daß er nun selbst in diesen Fehler verfällt, zeigt zumindest, daß die Lernbereitschaft dieser Aachener Fraktion nicht sehr hoch entwickelt ist.

Der sorglose Umgang mit den Quellen ging schon in den Artikeln von Jäger und Buck in »Sprache und Literatur« einher mit unglaublich vielen Wahrscheinlichkeitsurteilen, unterfüttert mit aussageschwachen Belegen. Auch in dieser Hinsicht läßt sich in Jägers neuem Opus keinerlei Änderung verzeichnen. Man hat den Eindruck, hier werden Belege erst einmal platt gewalzt, um sie dann von einer vorgefaßten Meinung her neu zu prägen. Dem textualen und erst recht dem politischen Kontext eines Zitats wird offenbar keine Kontrollfunktion zugebilligt. Spekulationen haben ihren Wert in der Phase der vor der Veröffentlichung abgeschlossenen Vorstudien und bei strittiger Interpretation. Wo sie gesicherte Erkenntnisse ersetzen, bzw. als solche gelesen werden können, geraten sie in den Geruch von Irreführungen. Die Wissenschaftsforschung tut gut daran, will sie nicht selbst in Verruf geraten, sich streng von solchen Elaboraten zu distanzieren, seien sie nun auf Dilettantismus, mangelnde Ausbildung in wissenschaftsgeschichtlicher Methodik oder bewußte Fälschung zurückzuführen.

Spielen wir doch einmal die Logik von Spekulationen durch, verwenden wir doch einmal die Aachener wissenschaftsgeschichtliche Methodik, wählen wir aber dafür einmal die Aachener Fraktion als Opfer (dazu wären zumindest Theo Buck, Ludwig Jäger und Christian Stetter zu rechnen). Gehen wir doch probeweise einmal davon aus, daß die Identität Schwertes mit Schneider „sowohl vor, während, als auch nach seiner Zeit als Rektor intern bekannt gewesen“ ist und daß es „im Zusammenhang mit dem Berufungsverfahren Komparatistik zu einem ernsthaften, aber unerwünschten Aufklärungsversuch durch einen kritischen Wissenschaftler kam“, die eine „Auseinandersetzung mit dem Ziel, die weitere Verbreitung von »Gerüchten« um Schwertes Vergangenheit zu unterbinden“ zur Folge hatte. Die Hochschulleitung habe – so sei die Spekulation weitergesponnen – Recherchen inszeniert, die „rückblickend jedoch eher als Vertuschungsversuch“ erscheinen. Es habe parallel dazu „eine Suche nach »Nestbeschmutzern«“ eingesetzt, „die für die Enttarnung Schneiders verantwortlich gemacht werden könnten.“ Wer es wagte, Gegenpositionen zu beziehen, habe mit „repressiven Ausgrenzungs- bzw. Diffamierungskampagnen“ oder „möglichen rechtlichen Konsequenzen“ zu rechnen gehabt. Da Schwerte mit Mitgliedern der Regierung in Düsseldorf befreundet gewesen sei, habe sich in den Fall auch das nordrhein-westfälische Wissenschaftsministerium eingeschaltet. Es sei in diesem Zusammenhang zu „Erpressungen“, zu Berufungsverhinderungen, zur Schließung ganzer Studiengänge bzw. deren „Verschiebung“ an eine andere Universität gekommen. „Das Thema angeblicher Komplizenschaft“ erinnere auf „pikante Weise“ an das Verhalten von Nazi-Größen, die „ihre eigene Beteiligung an oder ihr Mitwissen um NS-Verbrechen kaschiert“ hätten. „Viele hätten nach Schwertes Enttarnung nur den Überraschten gemimt.“ Was hindert unsre spekulative Fantasie daran zu unterstellen, daß sich die Wut- und Haßtiraden von Buck und Jäger allein dem Umstand verdanken, daß hier zumindest so etwas wie Mitwisserschaft unter dem Mantel der Gegnerschaft zu kaschieren war.

Was im vorigen Absatz als Zitat markiert ist, konnte man so oder gar deutlicher im deutschen Blätterwald schwarz auf weiß lesen. Alles Spekulation, natürlich. Aber wer hätte sich bislang bereit gefunden, die Fakten zu recherchieren? Selbst dem unbedarften Leser von Jägers Buch drängt sich der Eindruck auf, daß die geballte Ladung aus Wut und Haß darin in keinem Verhältnis mehr steht zu dem Anlaß, den Schwerte-Schneider gab; im Zusammenhang der oben gebrachten Zitate aus der deutschen Presse liegt die Spekulation nicht fern, daß es sich hier um ein Ablenkungsmanöver mit umgekehrtem Vorzeichen zum Zweck der Selbstentschuldung handelt. Hat die Aachener Fraktion mehr mit dem „Fall“ Schwerte-Schneider zu tun, fragt man sich unwillkürlich, als bisher bekannt war?

Wir sahen anfangs in Jäger den Mann, der den fachöffentlichen Bedarf an Aufklärung über die Faktizität solcher Spekulationen befriedigen könne. Wir waren erstaunt, daß Jäger die Gelegenheit, schon in »Sprache und Literatur« auf diese Spekulationen einzugehen, kommentarlos verstreichen ließ. Sein Buch bringt einige Dinge über die Berufung Schwertes nach Aachen, schweigt sich aber über die jüngere Geschichte weiterhin aus. Daß Theo Buck jetzt Publikationen, die diese Geschichte thematisieren, mit außerwissenschaftlichen Mitteln begegnet (Androhung einstweiliger Verfügungen vor Gericht) und die Tilgung ganzer Kapitel in diesen bewirkt, ist nur geeignet, neue Spekulationen auszulösen.

Es wurde Jäger schriftlich und mündlich mehrfach nahegelegt, in seine Darstellung des „Falles“ Schwerte-Schneider dessen jüngste Geschichte einzubeziehen. Er hat es nicht getan. Auch die von der NRW-Landesregierung 1995 eingesetzte »Historische Kommission zur Untersuchung des Falles Schneider/Schwerte und seiner zeitgeschichtlichen Umstände« hat sich dieser Aufgabe entzogen. Stattdessen unternahm der Kommissionsleiter, der Düsseldorfer Mediävist Bernd-A. Rusinek, den Versuch, die Aachener Fraktion etwas von dem Druck zu entlasten, unter dem sie wegen dieser Geschichte stand. Rusinek tat das mit dem abenteuerlichen Argument, es stehe „unter Historikern unbezweifelt fest, daß Gegenwärtiges, Unabgeschlossenes und noch Schwelendes kein Gegenstand der historischen Forschung ist“. 5 Wir lesen das als Aufforderung an die Zeithistoriker, Journalisten recherchieren zu lassen und deren – zumeist auch noch als methodisch unzulänglich gegeißelte – Elaborate später dann als Quelle zu benutzen oder in die Klage über Quellenlücken einzustimmen. „Deutschlands Bekenner“ aber, wie die Professoren aus dem Lateinischen wörtlich zu übersetzen sind, und nur um diese geht es, haben ohnehin ihr berufliches Wirken insbesondere in den Gremien nach anderen Kriterien bewerten zu lassen. Dieses nicht-intime und nicht-private Wirken unter dem Mantel des „Datenschutzes“ zu verstecken, wie das Rusinek tut 6, ohne daß die Aachener Fraktion Einspruch erhebt, erweckt Erstaunen. Was unterscheidet das alles von einer Aufforderung zur Spurentilgung?

Wir haben von Anfang an gesagt, daß diese jüngste Geschichte des „Falles“ Schwerte-Schneider/RWTH nur von jemandem vor Ort befriedigend geklärt werden kann. Geschehen ist nichts: kein in Wissenschaftsgeschichtsforschung bewanderter Wissenschaftler vor Ort hat sich bisher aus der Deckung gewagt. Der Eindruck, dass „in ein Wespennest“ sticht, der „sich dem Aachener Universitätsmilieu“ nähert, ist offenbar nicht nur die Erfahrung von Claus Leggewie. Es scheint, daß Claus Leggewie in vielem diese Aufgabe den Kollegen vor Ort abnehmen wollte. Wir kennen das auf Aachener Druck getilgte Kapitel in seinem Buch nicht, vermuten aber, daß vieles trotzdem in den Medien in Kurzform entnommen werden konnte. Auf jeden Fall ist es traurig, daß die Aachener Fraktion offenbar genau das Verhalten reproduziert, das die Wissenschaftsforschung zurecht als „hilflos“ und „wissenschaftsfeindlich“ an fast allen Hochschuldisziplinen in den 50er und 60er Jahren kritisierte: Verschweigen, Verfolgen von Kritikern, Unterdrücken von Informationen.

Die in den Medien gebrachten „Belege“ für schwerwiegendes Fehlverhalten der Aachener Beteiligten im „Fall“ Schwerte-Schneider/RWTH betrachten wir als aussageschwach oder als bloße Folie für Spekulationen – solange jedenfalls die Gefahr besteht, daß weniger Informierte sie als Anlaß nehmen, in den Nebel bloßer Spekulationen vorschnell Konturen hineinzusehen. Es hat nichts mit Positivismus, aber sehr viel mit Selbstkritik zu tun, wenn man sich auf das Fundierte konzentriert. Da gibt es zum einen genügend zu berichten und zum anderen setzt man sich nicht dem Verdacht aus, genau das zu praktizieren, was man dem vorwirft, über den man ein wissenschaftlich begründetes Expertenurteil abzugeben vorgibt.

Schwerte hat infolge der Aufdeckung seiner Vergangenheit manche Unbillen erleiden müssen. Seine Pension wurde zurückgefordert, von Sozialhilfe leben, er wurde sozial ausgegrenzt, um nur die wichtigsten Folgen zu nennen. Wir halten es für mißlich, hier über mehr als 50 Jahre hinweg Vergleiche anzustellen. Die Wut des nordrhein-westfälischen Innenministers Schnoor, einst Duzfreund Schwertes, mit dem Verfolgungsrausch der SS zu vergleichen ist abwegig. Entsprechend macht es keinen Sinn, Schwerte mit SS-Opfern zu vergleichen. Mitleid, in dem ja solche Vergleiche (Identifikationsakte) versteckt sind, ist nicht weniger angebracht. Wir gehen davon aus, daß Schwerte sich derartiges auch verbittet. So überzogen die politischen Entscheidungen bezeichnet werden müssen, die Schwertes jetziges Schicksal auslösten, die seit einiger Zeit sich ausbreitende Larmoyanz ist nicht weniger fehl am Platze wie die anfängliche übertriebene Entrüstung. Unserer Meinung nach ist es endlich Zeit für mehr Sachlichkeit. Mit Wissenschaft hat sie ohnehin mehr zu tun.

Flüchtige Leser hören aus diesem Votum eine Nicht-Fisch-nicht-Fleisch-Position heraus. Wir selbst sehen darin umgekehrt eine radikale, d.h. an die Wurzel gehende Kritik an der Wissenschaft, wie sie bisher betrieben wurde. Von dieser Position aus lassen die bekannten und gesicherten Fakten den folgenden Schluß zu: Wir haben es bei Schwerte-Schneider mit einem „Normalbeispiel“ zu tun, das eine gewisse Repräsentativität beanspruchen kann, nicht zuletzt deswegen, weil der Staat, in dem diese Person lebte, vom Kaiserreich über die Weimarer Republik, das Dritte Reich und die Besatzungszeit bis hin zur Bundesrepublik Deutschland bzw. zur Deutschen Demokratischen Republik vergleichbare Wandlungen durchmachte. Wenn man so will, könnte Schwerte-Schneider den Titel „Mr.-Zwanzigstes-Jahrhundert“ beanspruchen.

Wer Repräsentatives wie Extremes behandelt, „Normalbeispiele“ aus Gründen der Nicht-Beherrschung wissenschaftshistorischer Methodik oder gar aus wissenschaftsfremden Gründen zu „Extrembeispielen“ macht, muß sich fragen lassen, ob er hier nicht den soundsovielten Versuch macht, auf Kosten einzelner die Wissenschaft an sich von aller Verantwortung freizusprechen, damit sie gedankenlos so weitermachen kann wie bisher.

Dr. Gerd Simon,
Universität Tübingen, Deutsches Seminar.
Vorsitzender der „Gesellschaft für interdisziplinäre Forschung Tübingen“
Joachim Lerchenmueller, Ph.D.
University of Limerick,
Dept. of Languages & Cultural Studies

Fußnoten:
1
zit. n. Jäger 1998, S. 136
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2
Jäger weist z.B. S. 78f gegenüber den »Aachener Nachrichten« mit Recht darauf hin, daß der Hans Schneider, dessen Dissertation „Der Tragiker Paul Ernst…“ 1935 in Münster eingereicht wurde, nicht identisch ist mit dem späteren Hans Schwerte.
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3
Zum »grossen Wolff« siehe die Studie von Jochen von Lang: Der Adjutant. Karl Wolff: Der Mann zwischen Hitler und Himmler. München, Berlin 1985
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4
AV. Wolff 13.5.42, BA NS 21/913, Bl. 401 – Wir danken dem Leiter der »Zentralen Stelle«, Oberstaatsanwalt Dreßen, für die Übersendung dieses und anderer Schriftstücke.
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5
Bernd-A. Rusinek: Zwischenbilanz der Historischen Kommission zur Untersuchung des Falles Schneider/Schwerte und seiner zeitgeschichtlichen Umstände. (masch. Ms.). Düsseldorf, August 1996, S. 179
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6
Rusinek, l.c.
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