Symboltötungen

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Joachim Lerchenmueller/Gerd Simon

Der Fall Schwerte-Schneider und neue hilflose Antifaschismen1

Erlanger Insider der Germanistik hatten es angekündigt, obwohl für einen Fachkollegen aus der Ferne etwa wie mich – ich lebe in Tübingen – keinerlei Programmpunkte, Vorankündigungen oder auch nur so etwas wie Rauchzeichen erkennbar waren: Fetzen, wenn nicht Funken werde es auf der Germanisten-Tagung in Erlangen Mitte Februar 96 geben, möglicherweise einen Flächenbrand, der die ganze Germanistik erfassen könne. Was dann freilich kam, gleicht vorläufig – das sei vorweggenommen – mehr einem Strohfeuer. Aber vielleicht kommt das alles ja noch. Zündstoff lag jedenfalls genug herum. Die inzwischen darüber vergangene Zeit ändert daran nichts.

Die Tagung war dem Fall Schwerte-Schneider gewidmet. Hans Schwerte – so sein heutiger Name – hatte auf Grund der Recherchen holländischer Journalisten die Flucht nach vorn angetreten und sich selbst angezeigt. Bis 1945 habe er Hans Ernst Schneider geheißen, sei SS-Hauptsturmführer gewesen und habe den „Germanischen Wissenschaftseinsatz“ in den damals so genannten „germanischen Randländern“ geleitet. Ende des 2. Weltkriegs habe er sich einen Totenschein und einen neuen Paß auf den Namen Hans Schwerte ausstellen lassen, seine Frau – wohlgemerkt ohne dazwischen liegende Scheidung – ein 2. Mal geheiratet und sich ein 2. Mal der Doktorprüfung – und zwar an der Universität Erlangen – unterzogen. Dort in Erlangen habilitierte sich dann Schwerte auch mit einer zunächst sehr umstrittenen Arbeit, die 1962 unter dem Titel „Faust und das Faustische“ erschien und heute von manchen als bahnbrechende, jedenfalls frühe rezeptionsgeschichtliche Studie angesehen wird. Der Lehrstuhl ließ nicht lange auf sich warten. Schließlich wurde Schwerte sogar Rektor der Technischen Hochschule Aachen, die in Forscherkreisen in dem Ruf steht, eine der bestdotierten Hochschulen in der BRD zu sein.

Der Fall Schwerte-Schneider erregte die Gemüter nicht zuletzt deswegen, weil die holländischen Journalisten, die seine Identität ermittelt hatten, ihn mit den Menschenversuchen des Mediziners Sigmund Rascher in Dachau in Zusammenhang gebracht hatten. In der Tat gibt es Schriftstücke, aus denen hervorgeht, daß Schneider auf Anweisung seines Chefs Wolfram Sievers, der wegen Beteiligung an diesen Menschenversuchen nach dem Kriege durch das Nürnberger Kriegsverbrecher-Tribunal zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde, Rascher einige Geräte zuschicken ließ. Die Schriftstücke verraten aber nicht, wozu die Geräte dienen sollten. Mindestens ebenso verwickelt in den Fall ist der Kölner Prähistoriker Walter Stokar von Neuforn, der als gelernter Chemiker sicherlich mehr von den Geräten verstand, die er auf Bitten von Sievers (via Schneider) an der Universität Leiden für Rascher besorgte. Daß diese Geräte überhaupt für die Rascherschen Experimente geeignet waren, konnte man auch den Gerätebezeichnungen nicht entnehmen. Man kann nicht einmal schlüssig nachweisen, daß Schneider Rascher kannte, geschweige denn Ziel und Methode seiner „Zweckforschung“.

Im Oktober 1991 machte ich die Öffentlichkeit auf einer Anti-Rassismus-Tagung in Düsseldorf erstmals mit einem Fall bekannt, in dem ein Sprachwissenschaftler sehr viel enger mit Raschers Menschenversuchen in Verbindung gebracht werden kann.2 1937 hatte einer der fähigsten, wenn nicht der fähigste deutsche Linguist dieses Jahrhunderts, Eberhard Zwirner, von Haus aus Neurologe, Begründer des deutschen Strukturalismus und Leiter des „Deutschen Spracharchivs“, das heute dem „Institut für deutsche Sprache“ in Mannheim inkorporiert ist, Experimente mit genau der Unterdruckkammer gemacht, die später Rascher für seine Menschenversuche benutzte. Auch Versuchsanlage und -ziel waren parallel konstruiert: Während Rascher freilich mit Hilfe der Unterdruckkammer die Höhe ermitteln wollte, bis zu der ein Pilot mit seinem Flugzeug fliegen und mit dem Fallschirm abspringen konnte, ohne daß ihm die Lunge platzte – etwa 80 bis 100 KZ-Häftlinge (nahezu die Hälfte der Versuchspersonen) kamen bei diesen Experimenten ums Leben 3 -, erforschte Zwirner die in etwas niedrigerer Höhe sozusagen vor dem Exitus auftretenden Sprachstörungen mit dem Ziel der Entwicklung technischer Geräte, die die Verständigung mit dem Bodenpersonal dennoch sichern sollten. Wenn man so will, waren Zwirners Forschungen nur wenige Schritte von den Menschenversuchen Raschers entfernt. Daß es bei Zwirners Experimenten Tote gab, ist nicht bekannt. Zwirner war nach 1945 Linguistik-Ordinarius in Köln und designierter Leiter eines Max-Planck-Instituts für Linguistik, das dann aber aus verschiedenen Gründen erst nach der Wende ins Leben gerufen wurde. Zwirner starb zuvor 1984 hochgeehrt, wenn auch in mehrfachem Sinne in seiner Bedeutung verkannt.

Diese im Oktober 1991 publizierte Information hatte in der Öffentlichkeit keine nennenswerte Reaktion zu verzeichnen. Um es auf den Punkt zu bringen: Wie im Fall Schneider ist im Fall Zwirner eine Mithilfe zu den Menschenversuchen nicht nachzuweisen. Während aber ziemlich wahrscheinlich ist, daß Schneider nicht einmal wußte, wozu die von ihm zu besorgenden Geräte gut – oder besser: böse – waren, spricht im Fall Zwirner einiges dafür, daß dieser von Raschers Experimenten wußte, zumindest daß seine eigenen Versuche sich unmittelbar an der Grenze zu diesen bewegten.

Im Sommer 1994 hielt ich auf Einladung des >Instituts für Wissenschaft und Kunst< einen Vortrag in Wien über den im KZ umgekommenen Wiener Albanologen Norbert Jokl, den der spätere Rektor der Wiener Universität Viktor Christian 1942 seinem Schicksal auslieferte. 4 Hier war zumindest ein Anfangsverdacht begründbar, daß es sich um einen Fall von Beihilfe zum Mord handelte.

In allen diesen Vorträgen wies ich in Schlußbemerkungen auf das Extrembeispiel des Germanisten Pechau hin, der als Leiter eines SD-Einsatzkommandos manchmal an einem Tag mehr als 1000 Partisanen, meist Juden, umbringen ließ. 5 Hier handelte es sich also um Massenmord, nicht nur um Beihilfe zum Mord.

Zwirner, Christian, Pechau und auch Stokar waren tot, als ihr Fall bekannt gemacht wurde. Schneider lebt noch. Zwirner, Christian, Pechau und Stokar können nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden, Schneider sehr wohl, obwohl er schwer krank ist.

Daß Öffenlichkeit eine launische Größe ist, ausgeleiert und schwerhörig, vielfach ramponiert und nur mühsam anzuschieben, dann – einmal aufgewacht – maßlos über das Ziel hinausschießend, voller Kurzschlüsse und irrationaler Überreaktionen, ist häufig beklagt worden. Daß sie aber auf Informationen über Lebende anders reagiert als auf solche über Tote, selbst wenn es bei letzteren angebrachter wäre, verwandelt ihren Vorwurf in einen Vorwurf, daß Angeklagte überhaupt noch leben. Daß Wissenschaft nur aufwacht, wenn über die Vergangenheit eines Lebenden Eklatantes bekannt, aber das gleiche oder Gravierenderes bei Toten nicht anders als mit Schweigen verarbeitet wird, spricht Bände. Die Heftigkeit der Reaktion im Fall Schneider verrät nicht nur das Ausmaß der bisherigen Verdrängung. Sie lenkt auch ab von dem, was längst not täte, was der Fall wie viele andere vor ihm dringend verlangt: eine Wissenschaftserneuerung, die von einer Verarbeitung der Ereignisse von Dachau, Natzweiler-Struthoff und im übrigen auch von Hiroshima ihren Ausgang nimmt und nicht nach dem Floriansprinzip so lange im alten Stil weitermacht, wie es „nur“ das Nachbarfach trifft.

Eine von Erlanger Literaturwissenschaftlern wie ein Schrei nach „Blutrache“ vorgetragene Forderung hätte beinahe dazu geführt, daß Schwerte der Doktortitel aberkannt wird. 6 Es ist zu befürchten, daß die Germanistik mit Hinweis auf solche Symboltaten – wie gehabt – zur gewohnten Tagesordnung übergeht. Der Schrei nach Symboltaten war noch immer nichts als Begleiterscheinung der Abwehr schmerzhafter, aber längst notwendiger Veränderungen. Symboltaten sind nichts als Ersatzhandlungen, die den Tätern nach Beinahe-Erstickungen freie Luft verschaffen, aber weder die zugrunde liegenden Ursachen freilegen und angemessen analysieren können, noch das so ermittelte Problem lösen helfen. Im Gegenteil: Symboltäter fliehen in der Regel aus der rauhen, „furchtbaren“ Wirklichkeit in die Maske des Cholerikers, dessen Wutanfälle darauf angelegt sind, mit der Ruhe nach dem Sturm wieder zum Tagesgeschäft und der mit ihm verbundenen Vergeßlichkeit überzugehen; kurz gesagt: möglichst viel beim Alten zu lassen. Die unterschiedliche Behandlung von Toten und Lebenden läßt in diesem Fall sogar vermuten, daß die Symboltat als Symboltötung zu verstehen ist. Die Chance, die alle diese Fälle eröffnen, nicht nur einen Blick in die Abgründe der Wissenschaft zu tun, sondern diese grundlegend umzukrempeln, forschungsethische Fragen, insbesondere die Relevanzfrage, aus ihrem Randdasein zu Herzstücken der wissenschaftlichen Bemühungen zu machen, wird so geräuschvoll und aufsehenerregend vertan.

Symboltaten hat schon Wolfgang Fritz Haug Ende der 60er Jahre als „hilflosen Antifaschismus“ entlarvt. Die empirische Aufarbeitung der Geschichte der Wissenschaften im 3. Reich ist in Deutschland nach wie vor Sache von wenigen engagierten Einzelforschern. Die Gelder, die dafür zur Verfügung stehen, lassen eine organisierte Forschung in diesem Bereich nur in wenigen Fällen zu und wenn, dann in den Naturwissenschaften. Alle größeren und mittleren, manchmal auch kleineren Betriebe, erst recht natürlich Konzerne, haben historisch-vergleichende Abteilungen, die nicht nur für Festangelegenheiten das empirische Material zusammenzustellen pflegen, sondern auch schonungslos Fehler rechtzeitig auszumachen trachten, damit sie sich nicht ruinös akkumulieren. Die Universitäten hätten den Ruin längst hinter sich, wenn Staat und Wirtschaft nicht ein Interesse daran hätten, daß sie insgesamt ineffektiv bzw. auf kurzfristigen Erfolg ausgerichtet „konkursträchtig“ arbeiten.

Schwerte-Schneider kann man nicht absprechen, daß er wenigstens Anstrengungen gemacht hat, aus seiner Vergangenheit zu lernen. Er brauchte über 10 Jahre, um sich zu dem Linksliberalen freizuschaufeln, der er in den 60er Jahren zweifellos war. Sein Antifaschismus blieb bis heute hilflos. Aber weitaus hilfloser und folgenreicher ist der der Symboltäter, die glauben, sich nach der Aberkennung von Titeln wieder reinen Gewissens und in Ruhe ihrer Forschung widmen zu können. Ich billige keineswegs das Verhalten Schwerte-Schneiders. Ich kann sogar für mich in Anspruch nehmen, daß ich auch in diesem Fall Wesentliches zur Ermittlung empirischer Fakten und deren Einordnung beigetragen habe. Aber ein Schwerte-Schneider, der seine Schuld sieht und einräumt, ist mir allemal lieber als die unbewußte Verlogenheit wutschnaubender und faktisch den status quo zementierender Symboltäter.

Fußnoten:

1 Im März 1996 verfaßt und interessierten Kollegen zugänglich gemacht, Mai 1996 leicht korrigiert, geringfügige Ergänzungen Januar 1999

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2 Der Vortrag wurde 1992 in den >Osnabrücker Beiträgen zur Sprachtheorie< leider stark gekürzt und mit zahlreichen Druckfehlern veröffentlicht.

s. Gerd Simon/ Joachim Zahn: Nahtstellen zwischen sprachstrukturalistischem und rassistischem Diskurs – Eberhard Zwirner und das Deutsche Spracharchiv im Dritten Reich. OBST 46, 1992, 241-260, v. a. 251f

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3 Zu den Höhenversuchen Raschers s. Michael H. Kater: Das >Ahnenerbe< der SS Stgt. 1974 S.231-4

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4 s. Gerd Simon: Tödlicher Bücherwahn: Der letzte Wiener Universitätsrektor im 3. Reich und der Tod seines Kollegen Norbert Jokl. Ein Fall von Mitläuferrassismus. (Unveröffentlicht. Bisher hat sich keine linguistische Zeitschrift bereit gefunden, diesen Text zu drucken)

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5 s. Gerd Simon: Linguistik zwischen Saalschlachten und Massenmord. (In Arbeit)

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6 Der Titel wurde dann doch nicht aberkannt. Daß dabei eine Vorfassung dieses Artikels, die einigen Erlanger Kollegen bekannt war, eine Rolle spielte, bilde ich mir nicht ein.

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