Baldur von Schirach

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Baldur von Schirach

Baldur von Schirach (1907-1974)

Der Mann, der Hitlers Jugend führte

Von Martina Reinhard

Er schrieb Gedichte, liebte Goethes Faust und die Neunte Symphonie von Beethoven, aber vor allem vergötterte er Adolf Hitler. Baldur von Schirach, geboren 1907 in Berlin, war erst 17 Jahre, als er Hitler zum ersten Mal traf. Da war er endlich, der Retter des Vaterlandes! Nach der Versammlung in einem kleinen Saal in Baldurs Heimatstadt Weimar, lernte er Adolf Hitler persönlich kennen, und der Führer hatte einen seiner glühendsten Anhänger gewonnen. Sobald Schirach mit 18 Jahren Mitglied werden konnte, trat er in die NSDAP ein.

Seine Eltern teilten die Begeisterung. Die Schirachs gehörten in Weimar zu einer der ersten Familien. Die Amerikanerin aus wohlhabendem Haus und der Generalintendant des Weimarer Hoftheaters erlebten mit dem Zusammenbruch des Kaiserreiches auch ihr persönliches Fiasko. Der ältere Sohn Karl beging Selbstmord, weil er die Schande Deutschlands nicht ertragen konnte. Da war es gut, dass Baldur seine Lebensperspektive gefunden hatte.

„Kommen Sie zu mir nach München“ , hatte ihm Adolf Hitler geraten und Schirach siedelte nach dem Abitur um in die „Hauptstadt der Bewegung“ . Doch mehr als sein Studium der Anglistik, Germanistik und Kunstgeschichte fesselte ihn der Plan, möglichst viele Kommilitonen für die Partei zu gewinnen. Soviel Eifer wirkte ansteckend. Er überzeugte den skeptischen Hitler davon, dass eine Rede vor Studenten ihm Zulauf aus den akademischen Kreisen sichern könnte und sorgte für volle Ränge. Schirach hatte es geschafft, sein Idol zu beeindrucken. Kein Zweifel, Hitler hatte Großes mit ihm vor.

Griff nach der Jugend

Schirachs Amt als NS-Studentenführer im Jahr 1929 war ein Anfang, aber er wollte mehr: „Ich werde Ihnen die größte Jugendbewegung aufbauen, die es in Deutschland je gegeben hat.“ versprach er. Zwar war der Begriff „Hitlerjugend“ schon seit 1926 geläufig, aber erst Baldur von Schirach machte sie zur Bewegung von Millionen.

Im Jahr 1931 ernannte Hitler den erst 24-Jährigen zum Reichsjugendführer der NSDAP. Die Dienststelle wurde eigens für Schirach geschaffen. Damit herrschte er über den Parteinachwuchs im NS-Studentenbund, in der HJ und im NS-Schülerbund. Nach Hitlers Machtergreifung wurde Schirach Jugendführer des deutschen Reiches und stand damit an der Spitze aller Jugendverbände. Jetzt schaltete er konsequent alle anderen Jugendbewegungen aus. Vom „Wandervogel“ oder der „Bündischen Jugend“ blieben nur Formen und Traditionen: Fahnen, Uniformen, Wanderungen, Lagerfeuer, – für die richtigen Lieder sorgte Schirach. Das Fahnenlied der Hitlerjugend stammte aus der Feder ihres Führers. Es zeigt, wie fanatisch Baldur von Schirach bei der Sache war:

Unsre Fahne flattert uns voran.
In die Zukunft ziehen wir Mann für Mann.
Wir marschieren für Hitler durch Nacht und Not
Mit der Fahne der Jugend für Freiheit und Brot.
Unsre Fahne flattert uns voran.
Unsre Fahne ist die neue Zeit.
Und die Fahne führt uns in die Ewigkeit!
Ja, die Fahne ist mehr als der Tod!

Schirachs konsequenter Griff nach der deutschen Jugend begann bei den 10-Jährigen. Die Eltern des Jahrgangs 1936 forderte er schriftlich auf, ihre Kinder zum Jungvolk oder den Jungmädels anzumelden. Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg trugen weit über acht Millionen Kinder und Jugendliche die HJ-Uniform. Für viele von ihnen wurde das Fahnenlied der HJ zum Totenlied. Als die Reichsjugendführung im Jahr 1936 oberste Reichsbehörde wurde, avancierte Schirach zum Staatssekretär und hatte wieder eines seiner ehrgeizigen Ziele verwirklicht. Jetzt unterstand er nicht mehr dem Reichserziehungsminister, sondern nur noch seinem Führer.

Auch privat bewies Schirach eine glückliche Hand. Die Heirat mit Henriette Hoffmann, der Tochter von Hitlers Leibfotografen Heinrich Hoffmann, war äußerst karriereförderlich. Für Henriette war Adolf Hitler der gute Onkel. Er ging in ihrem Elternhaus ein und aus, brachte ihr deutsche Heldensagen bei und überwachte ihre Lektüre. Hitler wurde bei ihrer Hochzeit Trauzeuge und schenkte dem Paar einen Schäferhund. Henriette und Baldur von Schirach bekamen vier Kinder.

 

Als Gauleiter in Wien

Im Jahr 1940 ließ sich Schirach von seinem Amt als Führer der Hitlerjugend beurlauben und kämpfte im Frankreichfeldzug mit. Nach seiner Rückkehr ernannte ihn Hitler zum Reichsgauleiter von Wien. Es war eine als Auszeichnung getarnte Abschiebung, auch wenn er in der inoffiziellen Rangliste der NS-Gauleiter jetzt auf Platz drei rangierte, nach Joseph Goebbels (Berlin) und Adolf Wagner (München).

Wien war seine Welt. Baldur von Schirach genoss es, sich mehr der Kultur als der Politik widmen zu können. Sein Platz war in der Opernloge und nicht am Lagerfeuer. Die Schirachs gaben Feste wie zu Kaisers Zeiten.

Politisches Feingefühl schien Schirach abhanden gekommen zu sein. Er agierte derart unbekümmert, dass sein Tun in Berlin mehr und mehr kritisch beurteilt wurde. Als er 1943 eine Ausstellung eröffnete, mit Künstlern, die offiziell als entartet gebrandmarkt wurden, setzte Hitler ihm in Sachen Wiener Kulturpolitik Joseph Goebbels vor die Nase. Der Bruch mit Hitler war perfekt.

 

Der „anständige Antisemit“

In Wien gab es nicht nur Sängerknaben und Symphoniker. Wien war eine europäische Metropole des Judentums gewesen, hier hatten 200 000 Juden gelebt. Bei Schirachs Amtsantritt waren es noch 60 000. Die Reichsprogromnacht hatte er als „Kulturschande“ .abgelehnt und allen Unterführern der Hitlerjugend verboten, sich an solchen „verbrecherischen Aktionen“ zu beteiligen Jetzt aber unterschrieb Baldur von Schirach, der sich selbst als „anständigen Antisemiten“ sah, das de facto Todesurteil für diese 60 000 und nannte ihre Deportation „einen aktiven Beitrag zur europäischen Kultur.“ Seine Kritik an der nationalsozialistischen Judenpolitik, die er hier und da vorsichtig äußerte, trug ihm zwar Hitlers Missfallen ein, so dass er schließlich in Ungnade fiel, blieb aber alles in allem bedeutungs- und folgenlos.

Wie bei den anderen Nazigrößen, die in Nürnberg vor Gericht standen, ging es auch bei Schirach darum, wann genau er im Bilde war über die Gräueltaten an den Juden. Man konnte ihm nicht nachweisen, dass er darüber schon bei seinem Amtsantritt in Wien informiert war. Doch seit Januar 1942 wusste er, wie sich das Dritte Reich seiner Juden entledigte: Arthur Greiser, Gauleiter des Warthegau bei Posen referierte darüber vor Schirach in Wien. In Nürnberg korrigierte Baldur von Schirach die Jahreszahl nach hinten auf 1944 und gab vor, ein Bekannter habe von der Massenvernichtung in ausländischen Zeitungen gelesen und ihm mitgeteilt.

 

20 Jahre Haft

Am 13. April 1945 war Wien in den Händen der Roten Armee. Schirach tauchte unter. Als er im Radio hörte, dass auch die Hitlerjugend als Nazi-Organisation der Kriegsverbrechen angeklagt wurde, stellte er sich den Amerikanern. Als Angeklagter im Nürnberger Prozess wurde er schließlich zu 20 Jahren Haft verurteilt, die er in Berlin-Spandau verbüßte. Seine Ehe hat die Haftzeit nicht überstanden. Im Jahr 1950 wurden Henriette und Baldur von Schirach geschieden. Als er 1966 mit 59 Jahren aus dem Gefängnis entlassen wurde, war er ein kranker Mann, der zurückgezogen in einer Pension in Kröv lebte und seine Memoiren schrieb. Hier ist er 1974 gestorben.

„Ich habe diese Generation im Glauben an Hitler und in der Treue zu ihm erzogen. Ich meinte, einem Führer zu dienen, der unser Volk und die Jugend groß, frei und glücklich machen würde. Mit mir haben Millionen junger Menschen das geglaubt und haben im Nationalsozialismus ihr Ideal gesehen. Viele sind dafür gefallen. (…) Es ist meine Schuld, dass ich die Jugend erzogen habe für einen Mann, der ein millionenfacher Mörder gewesen ist. Ich habe an diesen Mann geglaubt; das ist alles, was ich zu meiner Entlastung sagen kann.“

(Baldur von Schirach vor dem Nürnberger Tribunal gegen die NS-Kriegsverbrecher)

Autorin: Martina Reinhard

 

Literatur

Benz, Wolfgang / Hermann Graml /Hermann Weiß: Enzyklopädie des Nationalsozialismus, München 1997.

Benz, Wigbert / Bernd Bredemeyer / Klaus Fieberg: Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg. Beiträge, Materialien Dokumente. CD-Rom, Braunschweig 2004.

Kammer, Hilde / Elisabet Bartsch / Manon Eppenstein-Baukhage / Manon Eppenstein- Baukhage: Lexikon Nationalsozialismus, Berlin 1999

Fest, Joachim C.: Das Gesicht des Dritten Reiches, Piper Verlag 1980

Klee, Ernst: Das Personenlexikon zum Dritten Reich Wer war was vor und nach 1945. Frankfurt/Main 2003

Knopp, Guido: Hitlers Kinder, Bertelsmann Verlag 2000

Lang, Jochen von: Der Hitler-Junge: Baldur von Schirach; der Mann, der Deutschlands Jugend erzog, Rasch und Röhring Verlag 1988

Meyer, Fridjof, Wiegrefe, Klaus: Die Schlacht der Frauen. Spiegel Nr. 47/2000

Rutschky, Katharina: Nichts wissen, nichts hören: Die Welt-Online. 02.01.1999

Schwandt, C. Martin: Und beim Diner sangen die Sängerknaben. Die Welt-Online 09.01.1999

Sigmund, Anna Maria: Die Frauen der Nazis, Heyne Verlag, 2001

Wortmann, Michael: Baldur von Schirach: Hitlers Jugendführer, Böhlau Verlag 1982

Microsoft Encarta Enzyklopädie Professional 2003.

 

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